ZEIT ONLINE: Wie definieren Sie gleichberechtigte Aufteilung?

Kleinschmidt: Oft ist es so, dass die Mutter die Hauptverantwortung für das Kind trägt und der Vater eher ein bisschen mithilft. Er bringt vielleicht das Kind morgens in die Kita, aber angerufen wird am Ende die Mutter, wenn das Kind erkrankt. Ich unterscheide da verschiedene Verantwortungsebenen. Wer wirklich Verantwortung für die Familie übernimmt, weiß genau, wofür sich das Kind interessiert, wer seine Freunde in der Kita sind und welches das aktuelle Lieblingskuscheltier ist. Er entscheidet mit, welche Schule gewählt wird und welcher Kinderarzt. Wenn ich all die Mütter sagen höre, ihre Männer würden sie gut unterstützen, obwohl diese Vollzeit arbeiten, aber immer nur die Mütter am Elternabend teilnehmen oder das Sommerfest organisieren, dann gehe ich nicht von einer gleichberechtigten Teilung der Verantwortung aus.

ZEIT ONLINE: Wie verhindert man eine Traditionalisierung?

Kleinschmidt: Aus unseren Erfahrungen beim ersten und zweiten Kind weiß ich jetzt: Wenn sich beide Partner die Elternzeit gleich teilen, dann schafft das eine ganz andere, gleichberechtigte Voraussetzung. Dann vertraut man dem anderen auch als Elternteil. Und dann wissen beide, worüber sie sprechen, wenn sie Erziehungsfragen diskutieren. Denn dann reden zwei Experten in der Sache und finden eine Lösung, die beide mittragen, auch wenn man sich nicht immer sofort einig ist.

Cover von "Kinder + Karriere = Konflikt?" © PR: Stark-Verlag

ZEIT ONLINE: Kommt es nicht auch deshalb oft zu einer Traditionalisierung, weil sich die Frau auf einmal vor allem als Mutter definiert?

Kleinschmidt: Das spielt sicher eine Rolle. Aber machen wir uns doch nichts vor: Die Geburt eines Kindes bedeutet ja, dass sich sowohl Männer als auch Frauen in einer neuen Rolle erleben und diese Rolle ein neuer Teil der Identität wird. Bei Frauen ist diese Erfahrung früher und vielleicht auch stärker ausgeprägt, weil sie durch die Schwangerschaft das Entstehen dieses neuen Lebens ganz unmittelbar erfahren. Und wer sich für das Stillen entscheidet, erlebt in den ersten Lebensmonaten des Kindes ja auch, dass diese kleine Person so völlig von einem als Mutter abhängig ist. Es wäre verrückt, diese Erfahrung völlig auszublenden. Aber trotzdem sind Mütter ja noch die gleichen Personen wie vorher. Sie vergessen ja nicht, wer sie sonst sind und was sie beruflich getan haben. Ich habe mich auch weiterhin als Journalistin und Autorin gesehen, als Partnerin, als Tochter, als Freundin.

ZEIT ONLINE: Und die Männer?

Kleinschmidt: Auch bei Vätern steht das Erleben der neuen Rolle stark im Fokus. Nur gibt es eben wenige neue Rollenmuster, aus denen Männer heute wählen können. Da ist der Rückgriff auf den Ernährer und Beschützer naheliegend.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie wieder in den Beruf eingestiegen?

Kleinschmidt: Beim ersten Kind habe ich langsam nach einem Jahr wieder angefangen. Wenn man als Freiberufler über ein Jahr lang raus ist, muss man erst einmal akquirieren. Entsprechend hat es eine Weile gedauert, wieder Fuß zu fassen. So richtig gearbeitet habe ich erst wieder, als unser Sohn in den Kindergarten ging. Beim zweiten Kind war meine Auszeit ja nicht ganz so lang, aber auch hier musste ich erst einmal wieder Akquise machen, dann habe ich mein Pensum nach und nach gesteigert. Letztlich empfinde ich die Freiberuflichkeit als vorteilhaft für die Vereinbarkeit, denn so bin ich flexibel, meine Arbeitszeiten selbst zu bestimmen. Natürlich habe ich als Selbstständige auch Deadlines einzuhalten, aber die Umstände der Arbeit – etwa wann ich im Büro arbeite – bestimme ich weitgehend autonom. Denn die Probleme mit der Vereinbarkeit hören ja nicht auf, wenn das Kind in den Kindergarten kommt.

ZEIT ONLINE: Stichwort fehlende Ganztagsschulen.

Kleinschmidt: Genau. Während wir bei den Kindergärten besonders in den Städten ein gutes Netz an Betreuung und auch halbwegs flexiblen Betreuungszeiten haben, sieht das Bild schon wieder ganz anders aus, wenn die Kinder in die Schule kommen. Auf einmal hat man ab mittags wieder ein Betreuungsproblem, wenn man keinen Platz im Hort bekommt. Und wenn man mehrere Kinder hat, geht der große Spaß erst richtig los. Dann ist das kleinste vielleicht in der Krippe, das mittlere im Kindergarten und das größte in der Schule. Allein die Kinder hinzubringen und abzuholen wird zur Managementherausforderung. Und bringen Sie das mal mit zwei vollgestopften Terminkalendern der Eltern zusammen, die vielleicht in Vollzeit arbeiten. Abgesehen davon: Für kranke Kinder müssen Eltern sowieso zu Hause sorgen. Ganztags.