ZEIT ONLINE: Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Kleinschmidt: Wir brauchen ein stark und gut ausgebautes Betreuungssystem. Besonders Ganztagsschulen, in denen auch der Unterricht auf einen entsprechenden Lernrhythmus abgestimmt ist. Außerdem sollte die Kinderbetreuung für alle erschwinglich sein. Wir haben etwa 500 Euro im Monat für die Betreuung bezahlt. Auch wenn ein Teil der Kosten steuerlich absetzbar ist – 500 Euro sind schon happig. Für viele Familien gehen die Betreuungskosten ans finanzielle Limit dessen, was sie für Fremdbetreuung bezahlen möchten. Oder sie stehen Krippe und Kita sowieso kritisch gegenüber. Und da ist dann ganz klar, dass es zu der Überlegung kommt, ob es am Ende nicht günstiger ist, wenn einer von beiden gar nicht arbeitet. Und steuerlich wird so ein Modell durch das Ehegattensplitting ja auch gefördert.

ZEIT ONLINE: Was braucht es noch?

Kleinschmidt: Eine Kultur der Offenheit und Empathie. Ich sage im Geschäftsleben beispielsweise oft nicht, dass ich an einem bestimmten Tag nicht kann, weil ich da vielleicht die Kinder früher abholen muss, sondern rede schlicht von einem wichtigen Termin. Warum sollte mein Privatleben die Auftraggeber interessieren? Für sie ist ja nur wichtig, wann ich erreichbar bin und wann nicht. Und ich möchte ja gar nicht mit jedem Kunden sofort über meine familiäre Situation sprechen. Also öffne ich die Tür erst gar nicht. Viele Mütter verbiegen sich. Sie wollen als Mutter gesehen werden und zugleich als professionelle Person. Ich glaube, häufig überfordert dies das Gegenüber. Wir brauchen hier aber auch weniger Perfektionismus. So viele junge Eltern streben danach, möglichst alles richtig zu machen. Und am Ende kommt es dann zum Phänomen der Helikoptereltern, die ihr Kind sogar noch mit zum Studieren im ersten Semester begleiten. Eltern sollten lernen, auch mal loszulassen. Darüber hinaus wäre es schön, wenn sich die Erwartungen an Mütter und Väter etwas der Realität anpassen.

ZEIT ONLINE: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Stress und Burnout und haben dazu auch mehrere Bücher geschrieben. Was raten Sie Eltern, damit sie nicht ausbrennen?

Kleinschmidt: Dass sie miteinander reden – auch über die Details. Dass sie miteinander aushandeln, wie sie sich die Arbeit teilen und dass jeder jederzeit sagen darf, wenn es ihm zu viel wird. Es ist wichtig, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten. Wenn wir den ganzen Tag damit beschäftigt sind, es dem Chef, den Kunden, den Kollegen und den Kindern recht zu machen, besteht ein Risiko, sich selbst erheblich zu vernachlässigen. Eine Zeit mag das funktionieren, auf Jahre aber nicht. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mir einen Abend in der Woche fest einzuplanen, der für mich ist und an dem ich etwa Freunde einlade und ein soziales Leben führe. Mein Partner und ich wechseln uns dann bei der Betreuung ab, sodass auch der andere Freiräume hat. Vorher ist es natürlich wichtig, herauszufinden, wie viel Freiraum man braucht. Und natürlich sollte man sich als Paar Zeit einplanen. Alle paar Monate mal ein kinderfreies Wochenende, an dem man sich als Mann und Frau erlebt.

ZEIT ONLINE: Was braucht es noch?

Kleinschmidt: Das Eingeständnis, dass man es niemals allen und jedem Recht machen kann. Auch dem eigenen Kind nicht immer.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen, dass das 50:50-Modell, das Sie heute mit Ihrem Partner leben, das beste ist?

Kleinschmidt: Für uns ist es sicherlich am besten, aber das gilt bestimmt nicht für alle anderen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Modell am ehesten zu Konflikten führt, weil man alles immer wieder neu aushandeln muss. Ich denke, eine traditionelle Teilung – egal, ob nun er oder sie die Familienarbeit übernimmt und der andere arbeitet – birgt weniger Konflikte. Da wird einmal entschieden. Nur ist so ein Modell dann fatal, wenn es einer von beiden nicht mehr leben will. Bei einer gleichberechtigten Teilung haben beide die Chance, daran mitzuwirken, dass die eigenen Bedürfnisse und die des anderen auch erfüllt werden.

Dieses Interview ist ein Abdruck aus dem Buch "Kinder + Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte" von ZEIT-ONLINE-Redakteurin Tina Groll. 255 Seiten, 17,95 Euro, erschienen im Stark-Verlag.