Der größte Schatz, den Birgit Fritz besitzt, ist ihre Fantasie. Doch ihr Vater war gar nicht begeistert von der Idee, dass seine Tochter damit einmal ihr Geld verdienen wollte. "Dass man mit Kreativität nicht viel anfangen kann, hat er mir schon früh erzählt. Ich sollte etwas Bodenständiges lernen." Also hörte sie auf, Geschichten zu schreiben und eigene Liedkompositionen zu singen, machte eine Ausbildung zur hauswirtschaftlich-technischen Assistentin und erwarb nebenbei die allgemeine Hochschulreife. "Leider konnte ich den Beruf nicht ausüben. Wie sich herausstellte habe ich eine Hautschwäche, sodass alle Chemikalien über meine Haut sofort in den Organismus gelangen – das ist bei den Reinigungsmitteln im Haushalt und der Großindustrie schwierig."

Fritz studierte Ökotrophologie in Mönchengladbach, hätte aber für eine feste Anstellung das Bundesland wechseln müssen, was für die damals frisch Verheiratete nicht infrage kam. So landete sie im Verkauf eines Spielzeugladens. "Bis ich wegrationalisiert wurde."

Wieder musste Fritz sich neu orientieren, was ihr aber gar nicht schwer fiel: "Da ich mit Kindern und auch den Eltern immer schon sehr gut klar kam, habe ich mich für den Erzieherberuf entschieden." Mit 32 Jahren machte sie die entsprechende Ausbildung und kam über die Arbeit mit den Kindern wieder zum Geschichtenerzählen. "So ist meine Liebe zum Schreiben und Erzählen wieder neu aufgeflammt. Durch Zufall fand ich dann auch noch eine Fortbildungsmaßnahme zur Märchenerzählerin – die ich mit großer Begeisterung gemacht habe." Von da an widmete sich die gebürtige Nordrhein-Westfälin in jeder freien Minute dem Geschichtenerzählen.

Erzählen als Abenteuerreise

Ein schwerer Arbeitsunfall in der Kita, bei dem sie sich an der Wirbelsäule verletzte, war der Auslöser für einen weiteren beruflichen Wechsel: "2007 habe ich beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen. Ich habe all mein Erspartes und meinen Mut zusammengenommen und mich als Märchenerzählerin selbstständig gemacht. Und es war richtig: Ich bin jetzt im zehnten Jahr meiner Freiberuflichkeit und kann von meinem Miniunternehmen sogar leben."

Von der reinen Märchenerzählerin hat sich die 50-Jährige weiterentwickelt, sie ist eine Erzählerin, die auch eigene Geschichten und Lieder präsentiert – wie etwa die Mi-Ma-Märchenmaus, die nicht ins Bett will und sich von den zuhörenden Kindern dabei helfen lässt. "Ich habe für mich eine Art entwickelt, Kindern Erzählen, Rhythmus, Sprache und Melodie mitzugeben und sie mitzunehmen auf eine Abenteuerreise. Und nicht nur Kinder, auch Erwachsene."

Fritz ist auf Bühnen ebenso unterwegs wie in Klassenzimmern oder Kindergärten. Klassische Märchen spielen dabei eine genauso große Rolle wie eigene Figuren. "Mir ist es wichtig, meinen Zuhörern Geschichten nicht vorzusetzen wie ein Essen, sondern sie mitmachen zu lassen, mitfühlen zu lassen, miterleben zu lassen. Dabei nehme ich sie als Reiseleiterin an die Hand, gebe ihnen aber auch genug Raum, damit sie ihr eigenes Kopfkino genießen können."

Belächelte Kunst

Geschichten findet die Künstlerin in Büchereien und Antiquariaten, das Internet meidet sie, weil ihr dabei die Haptik fehlt. Und sie erzählt auch nur Geschichten, die sie selbst ansprechen. Egal ob Eigenes oder Erlesenes: "Es muss mir auf den Lippen brennen, damit ich es erzähle." Zu ihren Favoriten gehören dabei für kleine Kinder das afrikanische Märchen Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam, bei größeren Kindern eine spanische Geschichte über einen Zauberlehrling – ähnlich wie Krabat – und bei den Erwachsenen Klassiker, beispielsweise von Edgar Allan Poe, E. T. A. Hoffmann oder das Märchen Der Froschkönig. "Das ist für mich ein Beispiel, wie eine gute Beziehung funktionieren kann. Frosch und Prinzessin arbeiten an sich, um gemeinsam in die Zukunft gehen zu können." Eine Interpretation, die für Fritz auch zu ihrer künstlerischen Arbeit zählt: "Meine Kunst ist es, aus der Vergangenheit für die Gegenwart und in die Zukunft zu arbeiten."

Dass ihr Beruf häufig belächelt wird, kann sie nicht verstehen. Erzählen kann doch jeder, heißt es oft, ihre Kunst wird als minderwertig deklassiert. "Es muss noch viel passieren, bis wir als eigenständige Kunstform anerkannt werden. Das ist ein weiter Weg, aber wir arbeiten mit dem Verband der Erzählerinnen und Erzähler und der Europäischen Märchengesellschaft daran. Wie wertvoll unsere Arbeit ist, zeigen Studien aus Grundschulen oder Senioreneinrichtungen."

Trotz der Widerstände, auf die Fritz immer wieder trifft, kann sie sich keinen schöneren Beruf vorstellen – auch, wenn es mitunter ein sehr harter Broterwerb ist: "Man muss viel arbeiten und ist viel unterwegs, aber wenn man den nötigen Biss und das nötige Talent und viel Spaß an der Sache hat, ist es möglich, davon zu leben. Ich kann es mittlerweile und das freut mich sehr. Schade, dass ich mich so spät für diesen Beruf entschieden habe, an dem mein Herz hängt. Jetzt will ich weitermachen, bis ich umfalle."

Karrieretipp - Glaubwürdig sein Sie neigen dazu, sich bis ins Detail vorzubereiten? Perfekt zu sein, überzeugt Ihr Gegenüber manchmal weniger, als Persönlichkeit zu zeigen, rät Business-Coach Simone von Stosch.