ZEIT ONLINE: Sie sagen, viele Führungskräfte haben die Bedeutung von Nachhaltigkeit noch nicht erkannt. Was verstehen Sie unter nachhaltiger Unternehmensführung, Herr Utermöhlen?

Ralf Utermöhlen: Nachhaltige Unternehmensführung bedeutet, auf allen Ebenen ressourcenschonend zu arbeiten – also bei allen Produkten, aber auch auch allen Unternehmensentscheidungen. Man verwendet nachhaltige Rohstoffe, schafft umweltschonende Fertigungsprozesse, sorgt für faire Herstellungs- und Arbeitsbedingungen über die gesamte Lieferkette. Und nachhaltige Unternehmensführung kann dabei für die gesamte Wirtschaft wirkungsvoll sein.

ZEIT ONLINE: Nennen Sie mal ein Beispiel.

Utermöhlen: Die Münchener Rück zum Beispiel achtet darauf, Nachhaltigkeit in alle ihre Produktlinien zu bringen. Ist das Unternehmen beispielsweise bei der Versicherung eines privatwirtschaftlich gebauten Großprojektes wie einen Staudamm beteiligt, schaut es genau hin, wie die Baubedingungen aussehen. Sind die nicht nachhaltig, beteiligt sich das Unternehmen nicht. In der Regel können diese Bauvorhaben dann nicht realisiert werden, denn die Sicherung wird grundsätzlich bei Großprojekten von mehreren Versicherern geteilt. Und das heißt wiederum: Macht so ein großer Rückversicherer nicht mit, reicht die Deckung meist nicht aus und ein nicht nachhaltiges Projekt kann nicht realisiert werden.

ZEIT ONLINE: Nachhaltige Unternehmensführung heißt doch, enorm viele Prozesse grundlegend zu verändern. Schwer vorstellbar, dass Unternehmen diese Mehrkosten, die sie wahrscheinlich nicht über Preiserhöhungen kompensieren können, für ein gutes Gewissen in Kauf nehmen.

Utermöhlen: Eine sanfte Umorientierung ist nicht mit Mehrkosten verbunden, sondern wirkt kostenreduzierend. Stichwort: Energieeffizienz. Dieser Wandel kann auch durchaus zehn oder mehr Jahre dauern. Wichtig ist, dass Unternehmen nicht in Produkte investieren, die nicht nachhaltig sind, sondern ihr Engagement auf neue, nachhaltige Produkte konzentrieren.

Wer diesen Trend verschläft, wird mit seinem Geschäftsmodell nicht zukunftsfähig sein. Leider ist vielen Führungskräften diese Notwendigkeit aber nicht bewusst. Dabei geht der Trend ganz klar zu Produkten, deren Herstellungsweg der Verbraucher nachvollziehen kann. Leider wird uns dieses Nachvollziehen noch immer sehr schwer gemacht. Ein QR-Code auf Produkten, der dem Verbraucher blitzschnell zeigt, wie viel unfaire Arbeit in dem Produkt steckt oder wie hoch der CO2-Ausstoss ist, führt zum Umdenken – auf beiden Seiten.

ZEIT ONLINE: Die deutschen Unternehmen haben also noch Nachholbedarf?

Utermöhlen: Umweltmanagement gehört zwar mittlerweile für viele Unternehmen zum guten Ton. Allerdings denken viele Führungskräfte, dass das Reduzieren des Energieverbrauchs und des Abfalls bereits nachhaltig sei. Dabei verlagern viele Unternehmen ihre Umweltbelastungen durch die fortschreitende Globalisierung auf andere Kontinente. Dort ist die Produktion ja oft sehr viel billiger. Und mit nicht nachhaltigen Produkten lässt sich eben immer noch mehr Geld verdienen. Und viel Geld heißt wiederum: Davon profitieren Unternehmen und Mitarbeiter in Form von Gehältern, Bonuszahlungen und Jobsicherheit hierzulande. Das umzugestalten erfordert Weitsicht, Mut und eine langfristige Strategie. Das haben nicht alle.

ZEIT ONLINE: Was kann der Verbraucher tun?

Utermöhlen: Informiert sein und auf einen maßvollen Wohlstand setzen. Denn der ist Bedingung für Nachhaltigkeit. Ob regionale oder fair gehandelte, saisonale Bioware, Papier- oder Holzprodukte mit entsprechender Deklaration oder ein nachhaltiges Mobilitätsverhalten – jeder kann festlegen,was ihm wichtig ist.