ZEIT ONLINE: Ob permanente Ablenkungen oder Überflutung mit Informationen – sich am Arbeitsplatz zu konzentrieren, fällt vielen Menschen schwer. Wie lässt sich die Aufmerksamkeit beim Lernen und Arbeiten fördern, Herr Beck?

Henning Beck: Unser Hirn arbeitet hervorragend, wenn wir eine für uns interessante Aufgabe zu lösen haben. Ist die Arbeitsumgebung zudem auf Arbeit ausgerichtet, unterstützt uns das. Die Umgebung hat einen großen Einfluss auf unsere Konzentrationsfähigkeit, denn das Gehirn neigt dazu, ständig hin- und herzuspringen. Es ist nicht darauf ausgelegt, sich lange zu konzentrieren. Daher sind Ablenkungen auch so verführerisch.

Wollen oder müssen wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren, sollten wir daher Ablenkungen reduzieren. Das sind beispielsweise Geräusche, klingelnde Telefone, immer neue Informationen durch eingehende Nachrichten über verschiedene Plattformen, Gespräche von anderen Kollegen, Besucher.

ZEIT ONLINE: Wie leise sollte es denn zum konzentrierten Arbeiten sein?

Beck: Geräusche sind nicht per se hinderlich. Viele Menschen fühlen sich etwa kreativ angeregt, wenn sie Hintergrundgeräusche wie ein leichtes Rauschen haben oder Musik hören. Aber es ist wichtig, dass ich die Kontrolle über die Lautstärke und die Geräuschbelästigung habe. Denn entscheidend ist nicht, was mich ablenkt, sondern wie es mich ablenkt. Es kommt auf den eigenen Handlungsspielraum an.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Multitasking schadet der Effizienz. Warum?

Beck: Studien zeigen: Menschen, die sich für multitaskingfähig halten, schneiden bei Multitasking-Untersuchungen besonders schlecht ab. Unser Hirn kann maximal zwei leichte Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Alles, was darüber hinausgeht, schadet nur. Wer viele Dinge gleichzeitig macht, verwirrt sein Hirn. Es verliert die Gewichtung von Aufgaben. Dieses Springen kostet aber nicht nur Zeit, sondern macht auch fehleranfälliger.

ZEIT ONLINE: Aber Smartphones und Computer können uns doch heute vieles abnehmen.

Beck: Das ist ein Irrglaube. Es kommt darauf an, was wir den Geräten überlassen. Sie sollten uns nur das abnehmen, was wir sowieso schlecht können. Aber kreativ und kombinierend zu denken – das können wir nicht an Computer auslagern. Grundsätzlich würde ich persönlich auch keiner Maschine etwas Entscheidendes überlassen, sondern sie nur dazu nutzen, mein Wissen zu kombinieren. Denn Wissen können Sie nicht googeln, sondern entsteht im Gehirn, wenn ich Informationen miteinander verknüpfe.

ZEIT ONLINE: Welchen Einfluss hat das Design der Arbeitsumgebung auf Verhalten und Erfolg am Arbeitsplatz?

Beck: Einen sehr großen, denn das Außen wirkt sich immer auf unsere Hirnleistung aus. Unser Gehirn passt seinen Arbeitsmodus der Umgebung an. Heute ist gut untersucht, dass bunte Farben zum Beispiel die Kreativität anregen. Die Gestaltung der Arbeitsräume beeinflusst auch, wie unsere Leistung im Laufe des Tages schwankt. Und sie hat auch einen Einfluss darauf, wie wir in einer Gruppe zusammenarbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie sollte die Umgebung gestaltet sein?

Beck: Jeder Mitarbeiter hat seinen eigenen Arbeitsrhythmus. Deshalb sorgt ein cleveres Unternehmen in seinen Arbeitsräumen für einen Wechsel von An- und Entspannung. Es motiviert Mitarbeiter enorm, wenn sie Wahlmöglichkeiten haben. Und Menschen brauchen Rückzugsräume, in denen sie die Kontrolle über Lautstärke, Geräuschkulisse und einprasselnde Informationen haben. Alles andere führt dauerhaft zu Stress, kann krank machen – und zerstört mehr Leistung. Besonders da, wo geistig gearbeitet wird. Unternehmen tun gut daran, eine Kultur und eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der effizientes und gesundes Denken gefördert wird.