ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat der Brexit jetzt für Unternehmen, die Mitarbeiter nach Großbritannien schicken, Frau Hierl?

Susanne Hierl: Aktuell hat die Entwicklung noch keine Konsequenzen für Unternehmen. Zunächst muss Großbritannien austreten und mit der EU in Verhandlungen treten, um neue Rahmenbedingungen im Detail zu verhandeln. Da das Austrittsgesuch allerdings noch nicht vorliegt, gibt es keinen Grund für blinden Aktionismus.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Unternehmen, die in Großbritannien Standorte und Mitarbeiter haben?

Hierl: Ich rate diesen Firmen, sich frühzeitig Gedanken zu machen, welche Veränderungen auf sie zukommen können. Denn steigt Großbritannien aus dem europäischen System aus, ist es wie ein Drittstaat zu behandeln. Das heißt, einheitliche Regelungen zu Einwanderung, Arbeitserlaubnis und Sozialversicherung gelten nicht mehr. Fehlt aber die Arbeitnehmerfreizügigkeit, können EU-Bürger nicht mehr ungeachtet ihres Wohnortes in Großbritannien arbeiten. Umgekehrt gilt dies auch für Mitarbeiter aus Großbritannien, die in der EU arbeiten wollen oder bereits arbeiten. Für Unternehmen kann es dann langwierig und teuer werden, wenn sie Beschäftigte nach Großbritannien entsenden wollen.

ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat der Brexit für Expats aus Großbritannien?

Hierl: Die gleichen Konsequenzen. Tritt Großbritannien aus, wird die Situation vergleichbar mit der der Schweiz oder den USA sein. Das heißt, möchte ein Bürger aus Großbritannien außerhalb seines Landes tätig sein, wird es für ihn bezüglich Aufenthaltsstatus und Arbeitserlaubnis komplizierter.

ZEIT ONLINE: Sind mit dem Brexit Arbeitsplätze bedroht?

Hierl: Diese Frage ist erst zu beantworten, wenn die neuen Rahmenbedingungen geklärt sind. BMW zum Beispiel wird nicht von heute auf morgen Standorte in Großbritannien schließen oder zurückfahren, sondern erst einmal abwarten, wie die neuen Bedingungen aussehen.

Und ob der Ausstieg zur Folge hat, dass deutsche Unternehmen von Investitionen in Großbritannien Abstand nehmen, wird von Branche und Kunden abhängig sein. Jedes Unternehmen wird für sich klären müssen, ob es sich lohnt, den dann komplizierteren Weg in Großbritannien zu gehen oder auf EU-Mitgliedsstaaten zu setzen.

ZEIT ONLINE: Wie lange wird diese ungewisse Phase andauern?

Hierl: Ich fürchte, noch lange. Ich persönlich glaube nicht, dass die Situation bis Ende des Jahres geklärt ist. Zunächst wird es Neuwahlen geben, erst dann wird das Austrittsgesuch offiziell gestellt und erst dann werden die Verhandlungen über ein Austrittsabkommen beginnen. Dafür ist ein Zeitraum von zwei Jahren vorgesehen.

ZEIT ONLINE: Haben Beschäftigte, die Sie betreuen, aktuell reagiert?

Hierl: Die Beschäftigten, mit denen ich zu tun habe, sind aktuell nicht beunruhigt. Diese Nachricht wird sich allerdings auch erst einmal setzen müssen. Und zum Handeln ist ja auch noch genug Zeit. Ich rate allen Betroffenen daher: Tee trinken und abwarten.

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