"Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit Ihnen Schweine gehütet zu haben." Bis in die 1960er Jahre war diese Redewendung noch geläufig: als empörte Antwort auf unerwünschtes Duzen. Dass Klaus Gehrig mit jedem seiner 375.000 Mitarbeiter schon mal Schweine gehütet hat, ist eher fraglich. Gehrig leitet die Schwarz-Gruppe und ist Aufsichtsratschef von Lidl und Kaufland. Angetan vom Tages-Du beim Golfspielen wollte Gehrig auch außerhalb des Grüns nicht mehr zum Sie zurückkehren. Deshalb erließ er nun quasi per Dekret das unternehmensweite Du.

In der Schwarz-Gruppe dürfen sich ab sofort alle untereinander duzen, egal ob Chef oder Kassiererin. Dürfen ist natürlich zu viel gesagt. Denn Klaus, äh, Herr Gehrig sieht die Sache so: "Es gibt keinen Zwang. Aber klar ist: Wer sich nicht duzt, isoliert sich. Das sind nicht die Leute, die wir brauchen." Also doch Zwang. Wer sich das Du verbittet, ist bei der Schwarz-Gruppe unerwünscht und wird den Druck der Chefs spüren. Neben den altbekannten Leistungszwang gesellt sich nun der Kumpelzwang. Versendet Gehrig bald an alle seine Mitarbeiter eine Freundschaftsanfrage auf Facebook?

Klar, deutsche Manager sind alles andere als fresh und wollen auch mal Mark Zuckerberg spielen. Und schließlich plant Lidl, 2018 in die USA zu expandieren. Da will man vielleicht mit dem Silicon Valley mithalten und sich lockerflockig duzen. Abgesehen davon ist das englische Du im Geschäftsleben dem Pluralis Majestatis entlehnt, die Menschen sprechen sich also mit einem "Ihr" in der 2. Person Plural an – mit dem deutschen Du ist das nur bedingt vergleichbar.

An sich ist das Du ja eine gute Sache: In einer Welt voll gespielter Wichtigtuerei erdet es alle ein bisschen. In kleineren NGOs und Start-ups gehört das Duzen zum guten Ton – und passt dort auch meistens. Klarerweise duzen sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in kleinen Landwirtschafts- oder Handwerksbetrieben. Und auch bei Lidl werden sich einige Lohnarbeiter bestimmt schon seit Jahren duzen – obwohl private Kontakte unter den Beschäftigten bei Lidl ja unerwünscht sind. Wenn sich Kollegen mögen, steht einem Du natürlich nichts im Weg.

Problematisch ist etwas anderes: Die Schwarz-Gruppe ist ein streng hierarchischer Großkonzern mit über 85 Milliarden Euro Jahresumsatz. Betritt man das Foyer der Neckarsulmer Firmenzentrale, erblickt man in großen Lettern ein Zitat von Oliver Cromwell, der als englischer Feldherr den halben Erdball unterjochte: "Wer aufhört, besser zu sein, hört auf, gut zu sein."

Das Du für die Lohnsklaven

Der viertgrößte Lebensmittelhändler der Welt ist bekannt für seine Kommandostrukturen und feuerte in den letzten eineinhalb Jahren sechs widerspenstige Vorstände und einige Regalauffüller und Kassierer mehr, weil sie einen Betriebsrat gründen wollten. Das mag die Schwarz-Gruppe nämlich gar nicht: mündige und kritische Mitarbeiter, die sich gewerkschaftlich organisieren oder ihre Rechte einfordern. Deshalb wurden sie systematisch mit Überwachungskameras ausspioniert. Von Toilettengängen bis hin zu den Krankheitsgründen haben Lidl und Kaufland alles so penibel protokolliert, dass sogar der BND erblassen würde.

Im Jahr 2004 bekam die Schwarz-Gruppe den Big Brother Award für seinen "nahezu sklavenhalterischen Umgang" mit den Beschäftigten.

Dieser Konzern also bietet seinen Lohnsklaven jetzt das Du an. Aber ein simples Personalpronomen ist nun mal kein Ersatz für Arbeitsrechte und eine gerechte Bezahlung – da bleibt nämlich alles beim Alten: Die Kassiererinnen bekommen für ihre stressige und monotone Tätigkeit 11,50 Euro brutto, Klaus Gehrig und die anderen Vorstände jedoch einige Millionen pro Jahr.

Bereits im März 2016 hat der Vorstand der Otto-Group seinen 53.000 Beschäftigten das Du angeboten. Vorstandschef Hans-Otto Schrader sieht darin "eine Art Startschuss für unser Projekt Kulturwandel 4.0". Da bleibt einem ja die Spucke weg bei so viel Esprit. Ein "Kulturwandel" wäre es vielleicht, wenn die Otto-Group alle Lohnarbeiterinnen zu Miteigentümern erklärt und aus dem Konzern einen basisdemokratischen Kollektivbetrieb macht.

Natürlich verfolgen Großkonzerne, die das Du einführen, eine Strategie. Die Linguistin Elisabeth Wehling geht davon aus, "dass man sich durch soziale Inklusion – wie sie auch durch das Duzen entsteht – physisch wärmer und wohliger fühlt. Die Sprache geht direkt ins Gehirn und ändert unser körperliches Befinden. Und auch das Sozialverhalten unterliegt dem Diktat der Sprache: Wer täglich 'Du' anstatt 'Sie' sagt, der wird sich, ob er will oder nicht, seinen Kollegen und Chefs verbundener fühlen – und so handeln".

Angesichts dieser Strategie wundert es nicht, dass uns mittlerweile nicht nur der Möbelkonzern Ikea duzt, sondern selbst der Staat: "Grünzeug ist auch gesund für deine Karriere", heißt es in einem Werbespruch der Bundeswehr. Angela Merkel gestattet nur fünf Ministern ihrer Partei das Du. Und sie käme nie auf die Idee, die Bürgerinnen und Bürger zu duzen. Aber sie duzt penetrant erwachsene Flüchtlinge. Merkel schafft dadurch, bewusst oder unbewusst, ein Machtgefälle: ich Bundeskanzlerin, du hilfesuchender Asylbewerber. Damit verkindlicht Merkel die geflüchteten Menschen – sie redet nicht auf Augenhöhe mit ihnen, sondern schaut auf sie herab. Dasselbe passiert in einem Großkonzern, in dem per Dekret das Duzen eingeführt wird: Die Beschäftigten werden nicht für voll genommen.