ZEIT ONLINE: Sie haben sich mit der Art Kollegen beschäftigt, die die Stimmung am Arbeitsplatz vergifteten und bezeichnen diese Menschen als "Toxiker". Wie unterscheidet sich das von normalen Bürostreitigkeiten?  

Heidrun Schüler-Lubienetzki: Selbstverständlich gehören Konflikte zum Arbeitsleben dazu. Und nicht jeder schwierige Kollege ist gleich ein Toxiker.

Ulf Lubienetzki: Aber irgendwann werden Sie vielleicht feststellen: Der Konflikt lässt sich auf sachliche Weise seltsamerweise gar nicht lösen. Dann haben Sie es wahrscheinlich mit einem Toxiker zu tun. Leider merkt man es meistens viel zu spät.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Lubienetzki: Stellen Sie sich folgende Situation vor, mit der wir in der Beratung zu tun hatten: Ein neuer Kollege kommt ins Team. Zunächst spricht er mit den anderen Teammitgliedern scheinbar harmlos über den Chef und darüber, wie die Stimmung ist. Ihn interessiert besonders, wo das Team uneins ist. An diesen Punkten setzt er an. Er beginnt nach und nach bewusste Konflikte zu schüren zwischen dem Team und dem Vorgesetzten. In Folge spaltet sich das Team in mehrere Lager, der Chef wird zusehends isoliert. Erst als das Team völlig zerstritten war, wurde das eigentliche Ziel dieses neuen Kollegen klar: Er wollte seine eigene Karriere fördern. Mit Erfolg sogar, er wurde schließlich auf eine höherwertige Position weggelobt.

ZEIT ONLINE: Was treibt solche Kollegen an?

Schüler-Lubienetzki: Diese Menschen streben nach Macht – und dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Das heißt, diesen Personen ist egal, ob das Betriebsklima leidet, Kollegen krank werden oder das Unternehmen sogar einen wirtschaftlichen Schaden davonträgt. In der Psychologie gibt es für diese Charakterzüge den Begriff der dunklen Triade: Darunter versteht man extrem narzisstische, psychopathische oder machiavellistische Persönlichkeiten. Bei solchen Zeitgenossen ist Vorsicht geboten.

ZEIT ONLINE: Wie oft stößt man denn auf solche Persönlichkeiten?

Lubienetzki: Wir schätzen, dass fünf bis zehn Prozent der Beschäftigten Toxiker sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass man es früher oder später mit einem zu tun bekommt, ist nicht gering – je nach dem auch, wo man arbeitet.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Lubienetzki:In Führungspositionen gelangen naturgemäß häufiger Menschen, denen es Freude macht, andere ihre Macht spüren zu lassen.

Schüler-Lubienetzki: Behörden dürften ebenfalls besonders anfällig sein. Wo die Jobs relativ sicher sind und ein Toxiker erst einmal keine Konsequenzen befürchten muss, kann er sich umso intensiver und rücksichtsloser seinen Machtspielchen widmen. Branchen wie Kultur und Medien ziehen besonders häufig Narzissten an. Auch die können sich häufig als unangenehme Zeitgenossen entpuppen.

ZEIT ONLINE: Was kann man tun? Sollte man das Gespräch mit dem Kollegen suchen, der die Stimmung vergiftet?

Lubienetzki: Normalerweise würde das helfen, aber diese Menschen fühlen sich im Konflikt wohl. Sie suchen Konflikte regelrecht und können sie deshalb auch besser handhaben. Und: Toxiker sind emotional gar nicht so sehr involviert wie der Betroffene. Deswegen haben sie die besseren Karten.

Schüler-Lubienetzki: Man kann alleine gegen einen toxischen Kollegen nicht gewinnen. Man sollte sich Verbündete suchen und sich auch an den Vorgesetzten wenden.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Chefs aber oft wegsehen.

Schüler-Lubienetzki: Das stimmt leider. Niemand führt gerne unangenehme Gespräche, vor allem nicht, wenn man es mit einem Gesprächspartner zu tun hat, der dagegenhalten kann. Tatsächlich kommt es oft vor, dass die Toxiker zum Beispiel gut darin sind, sich selbst gegenüber dem Betriebsrat als Opfer darzustellen. Sie behaupten dann beispielsweise, sie würden vom Vorgesetzten gemobbt, wenn der sich einmischt. Diese Menschen beherrschen die Kunst, mit ihrem schädigenden Verhalten unter dem Radar zu fliegen. Ihre gezielten Stiche wirken von außen vielleicht wie Lappalien: Da wird jemand in Gespräche nicht eingeweiht oder bekommt bestimmte Rundmails nicht mehr weitergeleitet. Als Chef lässt sich in so einer Situation leicht sagen: Nun habt euch mal nicht so.

Lubienetzki: Nicht zu vergessen: Führungskräfte haben oft selbst Angst vor diesem Mitarbeiter. Und zwar zu Recht. Solche Kollegen können sogar ihren Vorgesetzten gefährlich werden, wenn sie es schaffen, einen Keil zwischen Führungskraft und Team zu treiben. Da hoffen viele Chefs lieber, dass der Kelch an ihnen vorübergeht.

ZEIT ONLINE: Was empfehlen Sie, was man tun sollte?

Lubienetzki: Oft bleibt nur, sich entweder mit diesem Kollegen zu arrangieren oder den Job zu wechseln. Wenn man es schafft, seine Haltung zu ändern und die Angriffe an sich abperlen zu lassen, hat man oft schon viel erreicht. Ansonsten ist es besser zu gehen, bevor man krank wird.