Lösungen von der Stange sind nichts für Christian Kemper. Individualität und Eigenverantwortung sind Faktoren, für die er steht. Heute. Denn anfangs führte er ein vorkonfektioniertes Leben – Schule, Abitur, Zivildienst, Auslandsjahr, Ausbildung zum Industriekaufmann, Studium, dann die erste Anstellung in einem Großkonzern. "Bis ich 30 war, passierte dank meines Elternhauses eins nach dem anderen, ohne dass ich mich besonders anstrengen musste oder Gestaltungsmöglichkeiten selbst wahrgenommen hätte. Ich habe ein Standardleben gelebt – war aber nicht besonders glücklich."

Als er den Posten des Vorstandsreferenten in einem Chemiekonzern annahm, wuchs die Unzufriedenheit. "Ich merkte, dass meine tägliche Arbeit mit Menschlichkeit oder mir persönlich fast nichts mehr zu tun hatte", erzählt der 45-Jährige. Immer wieder wurde er krank, eine Mandelentzündung folgte auf die nächste, das Sprechen fiel ihm schwer. "Innere Warnzeichen, die mich zum Nachdenken gebracht haben."

Den eigentlichen Wendepunkt erlebte der Politikwissenschaftler bei einer Großgruppenveranstaltung, die er selbst für seinen Arbeitgeber organisiert hatte. Ein Format, in dem es darum geht, dass jeder Verantwortung für sich selbst übernimmt und an den Themen arbeitet, die für ihn relevant sind. "Damit war ich zunächst überfordert. Das war ein Schock." Kemper wurde klar, dass er handeln musste. Auch aus gesundheitlichen Gründen.

Arbeit mit großen Gruppen

Relativ schnell kündigte er – teils gegen den Rat seiner Familie und von Freunden, aber mit Unterstützung seiner Lebensgefährtin – seine sichere, gut bezahlte Stelle, die ihm einen klaren Karriereweg vorzeichnete. "Mit 33 Jahren bin ich ins kalte Wasser gesprungen und habe mich mit Menschen unterhalten, die Dinge machten, die ich spannend fand. Zum Glück hatte ich das finanzielle Polster dazu", sagt er. Fand er den Posten eines Mitorganisators der Fußball-WM interessant, rief er ihn an, und ließ sich von dem Job erzählen. Rein aus Interesse und um Informationen zu sammeln, aber ohne konkret nach Aufträgen zu fragen.

Doch die entwickelten sich genau auf diese Weise: "Die Menschen, die ich kennengelernt hatte, haben sich irgendwann an mich erinnert und mich für Aufträge kontaktiert." So startete Kemper in die Selbstständigkeit, was für ihn vorher undenkbar gewesen wäre. Einer seiner ersten Aufträge war die Begleitung des Wahl-O-Mat für die Bundeszentrale für politische Bildung. "Ich habe die Workshops mit den Redaktionsteams moderiert, Jugendliche und Wissenschaftler koordiniert."

Weitere Aufträge schlossen sich an. "Für mich kristallisierte sich schnell heraus, dass ich am liebsten mit großen Gruppen arbeite. Ich finde es toll, wenn alle einbezogen werden, sich mit ihren Ideen beteiligen können und Lösungen finden, die vorher noch niemand sah", erzählt er.

Heute bezeichnet sich Kemper als "Inbetweener", und so heißt auch seine Beratungsfirma. "Das Wort kam im Zuge der Gründung ganz häufig vor, denn ich arbeite in Zwischenfeldern. Es geht um die Verbindung von Konzepten, Organisationen und Teams."

Facilitation nennt er seinen Beruf, in dem es darum geht, Veränderungsprozesse in Firmen, Behörden oder Organisationen zu begleiten. Change Management in großen Gruppen und mit einem fest gesteckten Zeitrahmen, bei dem trotzdem der Mensch im Mittelpunkt steht. Soll ein Konzern umstrukturiert werden, arbeitet Kemper mit der Belegschaft neue Strukturen heraus, in denen es weiter geht. Er leitet auch Innovationsworkshops, in denen Mitarbeiter neue Ideen und Produkte entwickeln. Selbst Schulen gehören zu seinen Kunden. Dabei geht es häufig um Inklusion. Lehrer, Kinder und Eltern finden dabei gemeinsam Ideen, wie sie zusammen leben und arbeiten wollen und welche Kompetenzen dazu benötigt werden. "Das ist ganz toll, weil sich jeder einbringen kann und so auch den Prozess und die Ergebnisse mitträgt. Im Prinzip habe ich die Veränderung, die ich damals selbst für mich vorgenommen habe, zum Beruf gemacht. Egal, ob ich mit einer Kommune, NGOs  oder einem Unternehmen arbeite, alle haben Entwicklungswünsche. Dabei begleite ich sie."

Was ihm am meisten Freude an seinem Beruf macht? "Wenn ich sehe, wie Menschen in ihrer Umgebung wachsen, wenn sie gemeinsam mit anderen Verantwortung für Themen übernehmen, die ihnen wichtig sind. Ein achtjähriger Schüler ebenso wie ein 30-jähriger Manager oder ein 50-jähriger Lehrer."