ZEIT ONLINE: Sie sagen, die Digitalisierung betrifft insbesondere Führung. Vor welchen Herausforderungen stehen Führungskräfte, Frau Nier?

Diana Nier: Der digitale Wandel führt zu strategischen, organisatorischen und unternehmenskulturellen Veränderungen: Gelernte Aufgaben und Arbeitsstrukturen werden durch neue ersetzt. Teams sind über den Globus verstreut tätig. Was wir heute kennen, ist morgen schon nicht mehr üblich.

Das erfordert neue Führungsmodelle und -kompetenzen: flache Hierarchien, agile Strukturen, temporär stattfindende Führung, interkulturelles Denken. Das Maß aller Dinge wird die Kommunikation sein. Denn die Veränderungen erfolgen schnell. Für Führungskräfte ist auch vieles neu und komplex, sie sind ja selbst betroffen. Daher müssen sie die neuen Möglichkeiten selbst nutzen oder Veränderungen verarbeiten – und vor allem dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter mitkommen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für Beschäftigte?

Nier: Während die erfahrenen Mitarbeiter oft Schwierigkeiten haben, sich auf die vielen Veränderungen einzustellen, streben die Jüngeren aus den Generationen Y und Z meist von sich aus Arbeitsmodelle mit demokratischen Abstimmungswegen an. Generell kann man aber beobachten, dass alle Generationen von Mitarbeitern einen stärkeren Fokus auf Familie legen und sich weniger stark ein Leben allein für die Arbeit vorstellen können. Die Menschen wollen heute beides – Zeit für die Familie und Teilhabe an der Berufswelt. Und zwar wollen das Männer wie Frauen gleichermaßen.

Allerdings sind viele Unternehmen hier noch nicht so flexibel mit ihren Strukturen. Oft bedeuten Auszeiten wie ein Sabbatical oder eine längere Eltern- oder Pflegezeit einen beruflichen Cut. In dieser Zeit stehen die Mitarbeiter den Unternehmen einfach nicht zur Verfügung. In vielen Fällen klappt der Wiedereinstieg nach einer Familienauszeit nicht reibungslos. Viele Mitarbeiter beklagen einen regelrechten Karriereknick und fehlende Perspektiven. Der alte Posten steht oft nicht mehr zur Verfügung, eine gleichwertige, adäquate Position ist nicht in Sicht. Hier ist noch viel zu tun. Und das ist neben einer entsprechenden Unternehmenskultur auch eine Führungsaufgabe.