Der Bewerber verweigert den Händedruck und schaut dem Gegenüber während des Gesprächs nicht in die Augen. Auf einige persönliche Fragen antwortet er gar nicht, auf die fachlichen ausschweifend. Kurzum: Er verhält sich völlig unpassend. Schon wenige Tage nach dem Gespräch erhält er eine Absage.

Aber was, wenn der Bewerber in dieser fiktiven Situation nichts dafür kann? Weil es ihm schwer fällt, Blickkontakt zu halten oder er die indirekten Fragen einfach nicht versteht? Menschen mit Autismus haben diese Probleme. Für sie sind Bewerbungsgespräche unvorhersehbare Stresssituationen, mit denen sie nicht umgehen können. So finden Untersuchungen zufolge nur fünf bis sechs Prozent der Menschen mit Autismus einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt.

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Menschen, die davon betroffen sind, können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und angemessen darauf reagieren. Daher haben sie Probleme, Situationen wie ein Bewerbungsgespräch richtig einzuschätzen und mit anderen kommunizieren zu können. Wie viele Menschen in Deutschland Autisten sind, ist unklar. Studien gibt es keine, Schätzungen variieren zwischen 0,7 und bis zu 1 Prozent der Bevölkerung.

Neben den Schwächen im persönlichen Umgang verfügen viele Menschen mit Autismus über besondere Fähigkeiten und Stärken. Interessieren sie sich für ein Thema, beschäftigen sie sich oft so lange damit, bis sie zu einem Experten auf diesem Gebiet werden. Die Spezialgebiete variieren von Musik über Stadtpläne bis hin zur Softwareentwicklung. Viele achten penibel auf Genauigkeit, verfügen über großes mathematisches Verständnis und ein gutes Erinnerungsvermögen – Eigenschaften, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Daher zeigen sich seit einigen Jahren viele Unternehmen offen für autistische Mitarbeiter, manche suchen sogar gezielt nach ihnen. Vorreiter ist dabei die IT-Branche. 2013 kündigte der Softwarekonzern SAP an, dass bis 2020 ein Prozent seiner Mitarbeiter Menschen mit Autismus sein sollen.

Auch Kollegen müssen vorbereitet werden

Um die passenden Bewerber zu finden, beauftragte SAP die dänische Organisation Specialisterne. Matthias Prössl ist Deutschlandchef der Organisation und für die Vermittlung verantwortlich. "Stellenausschreibungen wirken auf Menschen mit Autismus oft abschreckend, sie haben nicht das Gefühl, die Anforderungen erfüllen zu können", sagt er. Daher bewerben sie sich oft gar nicht auf ausgeschriebene Jobs.

Tun sie es doch, stoßen sie im Vorstellungsgespräch auf ein weiteres Problem: "Menschen mit Autismus sind eigentlich immer ehrlich, deshalb können sie sich in Gesprächen sehr schlecht selbst verkaufen." Deshalb gibt es bei Specialisterne keine stressigen Bewerbungsgespräche, sondern als erstes wird gespielt. Mit Lego Mindstorms bauen die Bewerber einen Roboter und programmieren ihn. "Dabei können wir sehen, wie sie Probleme lösen und bekommen Hinweise auf ihre dem Autismus geschuldeten speziellen Fähigkeiten", sagt Prössl. In den nächsten vier bis sechs Wochen versucht er, den Bewerber näher kennenzulernen und auf die Arbeitswelt vorzubereiten.

Aber auch die Arbeitswelt muss sich auf den etwas anderen Kollegen vorbereiten. In einem Workshop lernen die zukünftigen Kollegen und der Chef, was Autismus ist und wie sie damit umgehen sollen. Menschen mit Autismus fühlen sich in einer reizreduzierten Umgebung wohl. Großraumbüros stressen sie. Oft sind Kopfhörer nötig, um sich besser zu konzentrieren. "Außerdem ist eine klare Kommunikation wichtig. Der Mensch mit Autismus muss wissen, welche Aufgabe er bis wann erledigen muss. Wie er sie erledigt bleibt ihm selbst überlassen", sagt Prössl. Hat der Bewerber angefangen zu arbeiten, telefoniert er am Anfang einmal die Woche mit ihm und dem Unternehmen. Kommt es zu Problemen, hilft er sie zu lösen.