Es ist ein Klassiker. Wann immer sich zwei Fremde kennenlernen – auf einem Kongress, in einem Restaurant, an der Bar oder auf einer Party –, irgendwann fällt die obligatorische Frage: "Und was machen Sie so beruflich?" Eine Frage, mit der man eigentlich nie falsch liegen kann. Sie gibt dem Gesprächspartner die Gelegenheit, ein wenig über sich selbst zu erzählen, gleichzeitig zeigt man aufrichtiges Interesse, kann mehr über den anderen erfahren sowie neue Anhaltspunkte für das weitere Gespräch finden.

Viel spannender als die Frage "Was machen Sie eigentlich beruflich?" ist allerdings die nach dem Grund: "Warum machen Sie das beruflich?"

Viele stammeln dann irgendwelche Wunschvorstellungen, imaginieren Karrieren und Jobprofile, denken an finanzielle Freiheit und Selbstverwirklichung. Heraus kommt dann leider oft ein Arbeitsplatz, an dem man acht Stunden täglich absitzt und sich anschließend wieder auf den Heimweg macht. Ein solches Leben erinnert eher an den Song von Rihanna: "Work, work, work, work, work" – und den Rest verstehen wir nicht.

Dabei sollte der Beruf doch etwas sein, das die Persönlichkeit ausmacht und widerspiegelt – etwas, das man selbst ist, mehr Berufung als Beruf.

Wie also wählen wir unseren Beruf überhaupt aus?

Auch hier fallen den meisten viele methodische Wege ein. Sie erforschen ihre Stärken und Talente, dazu passende Berufsprofile, analysieren und vergleichen Arbeitsmarktchancen und Ausbildungswege und wählen schließlich die für sie besten Möglichkeit. Wirklich kein schlechtes und ein durchaus systematisches Vorgehen.

Allerdings, und das ist das Überraschende, ist unsere Berufswahl längst nicht so unabhängig, wie wir meinen.

Natürlich steht es jedem grundsätzlich frei, den Beruf zu ergreifen, den er oder sie selbst ausüben möchte. Leider wählt dabei aber die sogenannte latente Prägung jedes Mal mit. Und zwar kräftig.

Da sind zum einen ökonomische Kriterien: Sind die Aussichten für eine Branche oder einen Berufszweig alles die vielleicht zu ihm besonders gut passen. Die latente Prägung zeigt sich sogar bei der Jobsuche selbst. Ich selbst betreibe ja mit Karrieresprung eine Jobbörse, auf der sich jeden Monat rund zwei Millionen Menschen nach neuen Jobangeboten umsehen. Die Anfragen sind natürlich komplett anonym, sie lassen sich aber trotzdem statistisch auswerten. So können wir dort jedes Mal beobachten, dass die Besucher ganz gezielt nach konkreten Jobprofilen suchen.

In die Suchmaske werden logischerweise aber nur die Begriffe eingegeben, mit denen man – aus seiner bisherigen Erfahrung oder eben durch Freunde oder Familie – vertraut ist. Und so kann das Ergebnis eben auch nichts Neues bringen, sondern nur eine Entscheidung für oder gegen etwas sein, das einem schon bekannt war.

Kurzum: Durch die eigene latente Prägung erschließen wir uns keine neuen Horizonte, sondern schmoren regelrecht im eigenen Saft. Das Konzept der freien Berufswahl wird dadurch tendenziell ad absurdum geführt, zumindest aber enorm eingeschränkt: Wir wählen, was wir kennen.