Der Internationale Tag gegen Genitalverstümmelung am 6. Februar soll die Aufmerksamkeit auf eine Menschenrechtsverletzung lenken, von der nach Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit etwa 200 Millionen Mädchen und Frauen betroffen sind. 160 von ihnen hat Cornelia Strunz im Desert Flower Center (DFC), einer in Deutschland einzigartigen Einrichtung, in der Klinik Waldfriede in Berlin in ihrer Sprechstunde betreut, 90 wurden operiert. Die 45-Jährige ist Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie sowie die Generalsekretärin der Desert Flower Foundation Deutschland.

ZEIT ONLINE: Wie wurden Sie Chirurgin für genitalverstümmelte Frauen? Gibt es eine spezielle Ausbildung dafür?

Cornelia Strunz: Als ich in der Abteilung für Darm- und Beckenbodenchirurgie im Waldfriede 2013 anfing zu arbeiten, wusste ich nicht, dass mein Chef, Roland Scherer, die Eröffnung des DFC schon in Planung und mich als Sprechstundenleitung im Sinn hatte. Auch von weiblicher Genitalverstümmelung hatte ich damals keine Ahnung. Ich hatte nur den Film "Wüstenblume" gesehen, der von dem beschnittenen Supermodel Waris Dirie handelt. Ich bilde mich ständig fort, indem ich den plastischen Chirurgen, die die Klitoris-Rekonstruktionen bei den beschnittenen Frauen durchführen, assistiere. Ich war bisher bei jeder Operation dabei. Meine Hauptaufgabe besteht aber in der Betreuung der Patientinnen vor und nach der Operation.  

ZEIT ONLINE: Wie verläuft der erste Kontakt mit Ihren Patientinnen?

Cornelia Strunz mit ihren ersten beiden Patientinnen Inab (rechts) aus Djibouti und Senait (links) aus Äthiopien © Desert Flower Foundation

Strunz: Meistens erhalte ich Anrufe von Gynäkologen oder Urologen, bei denen beschnittene Frauen in Behandlung sind. Aber auch Sozialämter, die verstümmelte Migrantinnen betreuen, rufen mich zunehmend an. Wenn die Frauen dann zum ersten Mal in die Sprechstunde kommen, sind sie meist so verschüchtert, dass ich sie zunächst gar nicht untersuche, zu groß ist ihre Scham. Ich muss erst ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen. 

ZEIT ONLINE: Es handelt sich also um traumatisierte Frauen.

Strunz: Ja genau. Oft sind die Frauen unsicher, ob sie den Eingriff überhaupt vornehmen lassen sollen, auch wenn sie starke Schmerzen plagen. Die einen haben Angst, keinen Ehemann zu finden oder gar aus ihrer Community verstoßen zu werden, wenn herauskommt, dass sie sich operieren haben lassen. Andere fürchten, dass ihr Grund für Asyl in Deutschland wegfällt, wenn sie nicht mehr verstümmelt sind.