Es sind besondere Anlässe, an denen die Lullusglocke in der Stiftsruine in Bad Hersfeld geläutet wird. Besondere Anlässe für eine besondere Glocke, denn die Lullusglocke ist die älteste, nachweisbar datierbare Gussglocke Deutschlands. Eine Inschrift nennt als Gussdatum das Jahr 1038.

Damit die älteste Glocke Deutschlands weiterhin ihren Dienst tun kann, bedarf es regelmäßiger Wartung und Pflege. Dafür werden Metall- und Glockengießer gebraucht. Neben der Instandhaltung und Pflege von alten Glocken stellen sie auch neue Glocken her.

Für die Produktion einer Glocke sind mehr als 400 Arbeitsschritte nötig. Das Verfahren des Glockengusses hat sich in den letzten dreitausend Jahren kaum geändert und funktioniert noch nach dem gleichen Prinzip. Der Anfang wird mit der Erstellung von Zeichnungen sowie Berechnungen gemacht. Wie groß und wie schwer soll die Glocke werden? Welche Form ist angedacht? Wie viel Metall zum Gießen wird benötigt?

Glockengießer haben es aber nicht nur mit flüssigem Metall zu tun, sondern auch mit Lehm und Stein. Warum? Das hat mit der Gussform, die für die Herstellung der Glocke benötigt wird, zu tun. Für den Glockenguss bauen die Gießer zwei Formen aus Ziegelsteinen und Lehm. Auf die untere der beiden Formen wird eine weitere gestülpt. In den Hohlraum, der zwischen beiden Formen liegt, fließt später das flüssige Metall. Meistens wird als Glockenmaterial Bronze, eine Legierung aus Zinn und Kupfer, verwendet. Noch in den 1930er Jahren wurden Glocken auch aus Gussstahl gefertigt. Auch Zinn oder Aluminium wurden als Legierungen für Glocken verwendet. Heute jedoch nicht mehr, weil bei keinem Glockenmaterial der Klang so schön ist wie bei Bronze.

Damit sich das abgekühlte Metall später aus der Form löst, werden die Innenseiten mit einer Grafitlösung bestrichen. Die Gießer heben die Glockenformen anschließend in die sogenannte Gussgrube, die anschließend mit Erde aufgefüllt wird, sodass die Formen komplett bedeckt sind. Damit das Metall, im Schmelzofen erhitzt und bei 1.200 Grad verflüssigt, seinen Weg ins Innere der Form finden kann, werden oberirdische Flusskanäle vom Ausfluss des Schmelzofens bis zu den Gussformen gemauert. Durch einen kleinen Einflusskanal gelangt die flüssige Bronze ins Innere der Glockenform. Bis das geschmolzene Metall vollständig abgekühlt ist, dauert es bis zu zwei Wochen.

Der Glockenguss muss im ersten Anlauf sitzen, ist das Metall erst einmal in der Gussform, gibt es kein Zurück. Ein zweiter Versuch ist nicht möglich, denn die Form wird, wenn das Metall erkaltet ist, zerstört. Auch ist es wichtig, dass sich das Metall gleichmäßig in der Form verteilt. Ein Riss oder Hohlraum in der Glocke und die Glocke würde nicht klingen.

Sorgfalt und Geduld sind daher für Metall- und Glockengießer wichtige Eigenschaften. Um zu erkennen, welche Qualität der Klang einer Glocke hat, ist auch ein gutes Gehör und ein wenig musikalisches Talent wichtig. Der Ton der Glocke wird bereits vor der Produktion durch die Bestimmung der Materialdicke sowie durch die Form der Glocke festgelegt. Später können durch den Schliff der Glocke kleinere Korrekturen im Klang vorgenommen werden. Abschließend müssen die Glocken schließlich noch geglättet und poliert werden.

Für die dreijährige, staatlich anerkannte Ausbildung zum Metall- und Glockengießer genügt ein guter Hauptschulabschluss. Gute Noten in Physik und Mathematik sind jedoch wichtig. Schließlich muss unter anderem die benötigte Menge des Metalls vorab berechnet werden. Zudem ist eine gute körperliche Konstitution für die schweißtreibende und anstrengende Arbeit vonnöten. Immerhin kann eine Glocke schon einmal zwei Meter Durchmesser haben und ein Gewicht von bis zu zehn Tonnen auf die Waage bringen. Für die Gestaltung von Ornamenten, die die Glocke verzieren, ist durchaus Kreativität gefragt.