Wer Martin Schneider trifft, kann sich kaum vorstellen, dass dieser Mann ein gelernter Maschinenbauer ist, der jahrelang bei Ford gearbeitet hat. Er trägt eine Glatze mit Vollbart, ist durchtrainiert und stark tätowiert – auch an den Händen und im Gesicht. Zu seinen Markenzeichen gehören eine alte Harley aus den fünfziger Jahren und seine Bulldogge Siri.

Doch von diesen Äußerlichkeiten sollte man sich nicht täuschen lassen. Schneider ist Unternehmer. Ihm gehört der Boxclub Guts & Glory im Kölner Stadtteil Sülz. In die Selbstständigkeit zu gehen, war wie ein Befreiungsschlag für ihn. Nicht nur optisch: Bei seinem früheren Arbeitgeber musste er langärmelige Hemden tragen, um seine Tattoos zu verbergen – die zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal so zahlreich waren. Unzufrieden machte ihn aber vor allem seine Arbeit.

"Ich habe Klimasysteme für Ford entwickelt. Schnell hatte mein beruflicher Alltag nicht mehr viel mit Engineering zu tun: Ich saß in einem Großraumbüro, bekam haufenweise E-Mails und musste mit unzähligen Excel-Tabellen jonglieren. Immer mehr bekam ich das Gefühl, meine Zeit für Geld zu verkaufen", erzählt der 36-Jährige. Er fühlte sich wie ein kleines anonymes Rädchen in einem großen Werk, nur dazu da, Prozesse zu befriedigen, wie er sagt. "Ich war mir sicher: Wenn ich kündige, weiß der eine oder andere Kollege nach kurzer Zeit schon nicht mehr, wer ich bin."

Einen Ausgleich fand Schneider im Boxsport, den er bereits an der Uni für sich entdeckt hatte. Er gewann damals zwei Hochschulmeisterschaften und wurde Mittelrhein-Meister. Neben seinem Job setzte er das Training fort und gab seine Begeisterung für den Sport auch an andere weiter. "Irgendwann sagte ein Kumpel zu mir 'Du musst einen Boxclub aufmachen, guck doch mal, wie viele Leute bei dir trainieren'", erzählt Schneider. "Zuerst habe ich noch darüber gelacht, aber den Gedanken bin ich nicht mehr losgeworden."

Planung auf dem Bierdeckel

Kurz darauf begann er, das Projekt Boxclub konkret zu planen: "Zuerst habe ich das für mich mal durchgerechnet – auf einem Bierdeckel, war ja relativ simpel: Hallenmiete, geschätzte Kosten für Strom und Trainer und dagegen die Anzahl der Mitglieder, die ich bräuchte und ihre Beiträge. Schnell war mir klar, dass das ein gutes Geschäft werden kann.  Sogar lukrativer als bei Ford. Und vor allem: ein Job, der primär Spaß macht."

Das schwierigste war die Suche nach geeigneten Räumen, denn Schneider wollte in der Kölner Innenstadt präsent sein, um das richtige Publikum anzusprechen; lernwillige und gebildete Menschen sollten seine Hauptklientel werden. Nach eineinhalb Jahren fand er die perfekte Immobilie: eine alte Fabrikhalle mit rauem Charme, in der heute viele Boxsäcke und ein Ring Platz finden. Parallel kümmerte sich Schneider um die Finanzen: "Als der Bewilligungsbescheid von der KfW kam und der Mietvertrag zur Unterschrift vor mir lag, habe ich Respekt vor meiner eigenen Courage bekommen." Aber keine Zweifel an seinem Entschluss: Schneider verließ Ford und eröffnete seinen Boxclub.

Das war vor vier Jahren. Mittlerweile ist der Kölner ein erfolgreicher Boxclubbesitzer, der sechs Trainer beschäftigt und von seinem Geschäft gut leben kann. Und seinem Anspruch, einen Boxclub mit Stil zu schaffen, ist er auch gerecht geworden: Die meisten seiner Kunden sind angehende oder fertige Akademiker, auch etliche Frauen trainieren im Guts & Glory – unter Anleitung der ehemaligen deutschen Meisterin Lisa Kempin.

Schneider ist zufrieden: "Mein Job kommt mir jetzt deutlich wichtiger vor als bei Ford, ich habe einen maßgeblichen Einfluss auf das Leben anderer Leute. Ich habe ein Ohr für die, die gestresst zu mir kommen, gebe Tipps zum Abnehmen und kann meine Leidenschaft fürs Boxen weitergeben. Hier werde ich definitiv weniger vergessen als in einem Großkonzern." Jeden Tag komme er motiviert in die Halle und habe in erster Linie Freude an seinem Job: "80 Prozent meiner Arbeitszeit ist reiner Spaß – und mit den 20 Prozent Bürokram und administrativer Arbeit kann ich gut leben", sagt er lachend.