Seine Nähe zu den Naturwissenschaften hat Sebastian Schmidt vom Großvater geerbt. "Er war begeisterter Mathematiker und Vermessungsingenieur. Seine Leidenschaft hat sich auf mich übertragen", sagt der 36-Jährige Schmidt. Schon in der Schule war er gut in Mathe; da war ein Mathematikstudium die logische Folge. "Der nächste kanonische Schritt war die Promotion, was ein sehr angenehmer Weg für mich war – als Doktorand konnte ich, ebenso wie als Student, ein sehr freies Leben führen."

Schmidt promovierte am Fraunhofer Institut in Kaiserslautern, wo er anschließend eine Festanstellung bekam. Aber ganz zufrieden war er nicht. Er war zwar gut in Mathe, und seine Arbeit machte ihm Spaß. "Aber meine Berufung war es nicht", sagt er. "Zu Hause fühlte ich mich eher bei Outdooraktivitäten."

Während des Studiums hatte er sich oft eine Auszeit genommen. Er war durch Skandinavien gewandert, hatte im Winter mehrere Wochen nur im Biwaksack in der Natur geschlafen oder weite Radtouren unternommen, wie etwa von München nach Venedig. "Nach der Promotion war damit Schluss, ich hatte ein normales Arbeitsleben und für diese Freiheiten keinen Raum mehr."

Sebastian Schmidt © privat

Ohne Masterplan in die Selbstständigkeit

Immer deutlicher spürte der Mathematiker, dass er das Forscherleben nicht mehr wollte. "Es klingt ein bisschen merkwürdig, aber das, wofür ich gemacht bin, ist, mit Gruppen in der Natur unterwegs zu sein. Das habe ich gespürt, wenn ich Touren für Freunde organisiert habe." Doch er habe lange gebraucht, um das zu realisieren: Der Weg hin zum beruflichen Wechsel dauerte drei Jahre. "Ich war in einer Blase aufgewachsen, hatte einen sehr stringenten und einfachen Berufsweg gehabt", sagt er heute. "Von Gründung hatte ich keine Ahnung."

Deshalb ging er seine Idee schrittweise an: Zuerst reduzierte Schmidt seine Stelle beim Fraunhofer Institut auf 80 Prozent. Nebenher begann er eine Ausbildung zum Wildnisführer beim Internationalen Wildnisführerverband (IWV): An 60 Tagen lernte er vieles darüber, wie man Gruppen von Menschen durch Gebiete außerhalb der Zivilisation führt, über Orientierung, Planung und Psychologie. "Es war auch eine Überprüfung für mich selbst, um festzustellen: Kann ich das, will ich das, fühle ich mich wohl?" Die Antwort auf alle drei Fragen war am Ende ein klares Ja.

Noch während der Ausbildung gründete Schmidt 2013 sein Unternehmen für kombinierte Land-Gewässer-Touren. Das Interesse war so groß, dass er seine Festanstellung schon ein Jahr später auf 50 Prozent reduzierte – irgendwann kam der Moment, wo Schmidt sich entscheiden musste: entweder für die komfortable, sichere Festanstellung oder die ungewisse Selbstständigkeit. Der Mathematiker löste den Vertrag mit seinem Arbeitgeber auf. Das war im Jahr 2015.

"Ohne den Rückhalt meiner Frau hätte ich das nie geschafft. Ich hatte keinen Masterplan und wusste nur, dass ich raus will aus meinen alten Berufsleben. Sie hat zugestimmt, dass ich meine dauerhafte Anstellung aufgebe, für eine Idee. Mehr war es am Anfang nicht."

Heute ist Schmidt ein erfolgreicher Unternehmer, der Exkursionen nach Norwegen, Schweden, Island, Slowenien und in Deutschland anbietet. Er beschäftigt acht Honorarkräfte und wird demnächst weiter expandieren. Neue Wildnisabenteuer sind in Planung. An sein altes Berufsleben denkt der Familienvater nur selten: "Die meisten Menschen haben große Reserven, die sie in ihrem normalen Leben nicht aktivieren müssen. Bei unseren Touren ist das anders. Wenn sie nach einer Woche in der Wildnis zurückkehren, sind sie häufig glücklich. Dieser Ausdruck auf ihren Gesichtern macht mich sehr zufrieden – und süchtig nach mehr!"