Im Prinzip hat Jochen Stelter nichts gegen Meinungsverschiedenheiten unter Kollegen. "Sie sind ein guter Impulsgeber für kreative Lösungen", sagt der Mediator und Coach aus Schwerin. Unterschiedliche Meinungen gehörten zum Leben, machten es bunt und vielfältig – und im Beruf könnten sie helfen, den richtigen und besten Weg zu finden, um eine Aufgabe zu lösen.

Blieben alle Beteiligten sachlich, lasse sich auch relativ einfach eine Einigung erzielen. "Wenn unterschiedliche Meinungen aber unkooperativ ausgetragen werden, führt das zum Konflikt", sagt Stelter. Das belastet die Arbeit, und noch mehr die Mitarbeiter selbst. Wie lässt sich das vermeiden?

Konflikte sind die Folge einer Meinungsverschiedenheit, in der jeder in seiner Position verharrt, ohne nachzugeben. Konkurrenzdenken und Gerangel um Führungspositionen können ebenfalls Streit auslösen. Oft gelingt es nicht, ihn zu vermeiden. "Streit kommt am Arbeitsplatz häufig vor", sagt Tim Hagemann. Er hat eine Professur für Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld inne.

Die Ursachen für Streit unter Kollegen liegen oft in der Vergangenheit und können zutage treten, wenn ein Projekt abschließend beurteilt wird. "Wenn alles gut lief, gibt es keine Probleme. Aber wenn nicht, stellt sich als Erstes die Frage: Wer hat es verbockt?", sagt Hagemann.

Wir überschätzen uns

Tim Hagemann © privat

Eine sachliche Manöverkritik fällt dabei den meisten schwer. Den Grund nennen Psychologen "fundamentaler Attributionsfehler": Wir tendieren dazu, jede Art von Erfolg für uns zu verbuchen und Gründe für Misserfolge eher in unserer Umwelt zu sehen – und bei Kollegen tun wir dies tendenziell umgekehrt. Ihre Erfolge werden mit günstigen äußeren Bedingungen relativiert, ihre Misserfolge aber werden ihnen selbst zugeschrieben. Ist das eigene Team erfolgreich, dann glaubt der Teamleiter gerne, es liege an seiner guten Führung – und ist es nicht erfolgreich, schiebt er es womöglich auf seine Leute, die seine Ansagen nicht umgesetzt hätten.

Kritisch wird es, wenn die Diskussion auf eine persönliche Ebene wechselt. Dann kann ein Streit schnell eskalieren, bis hin zu einem kalten Konflikt. "Wenn die Kontrahenten nicht mehr miteinander reden, ist der Konflikt nur schwer aufzulösen", sagt Hagemann.

Gerade über Hierarchien hinweg könne man Konflikte vermeiden, indem man Entscheidungen transparent und begründbar offenlege, rät Hagemann. "Man muss nicht einer Meinung sein, aber nachvollziehen können, wieso der andere eine andere Sicht hat."