In unserer Casting-Gesellschaft haben Menschen beruflichen Erfolg, für die Leistung, Talent oder Ausbildung keine zwingenden Voraussetzungen mehr sind – die Thesen, die der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der freie Journalist Wolfgang Krischke in ihrem Buch Die Casting-Gesellschaft (Leseprobe) vertreten, sind herausfordernd formuliert. Ob Jugendlicher oder Senior: Für immer mehr Menschen sei eine mediengerechte Selbstdarstellung in der Hoffnung auf eine Karriere wichtiger als wirkliches Talent, schreiben die Autoren. Ihre Diagnose: Die moderne Gesellschaft sei geprägt von der Aufmerksamkeitsökonomie. Die wichtigsten Produktionsmittel seien die Medien, ihr Humankapital die Kandidaten in den Castingshows. Und nicht nur dort.

Die Analyse der Autoren ist scharfsinnig. "Dieter Bohlen verkörpert perfekt den Zeitgeist, den die vergangenen zwei Dekaden mit ihrer Börsengier, mit entfesselten Finanzmärkten und erodierenden Sozialsystemen hervorgebracht haben", schreiben Pörksen und Krischke. Anders als in der realen Bewerbungssituation steht nicht die Suche nach echten Talenten im Vordergrund: Das Ziel der Castingshow ist die Castingshow, und den Kandidaten geht es nicht um einen Job, sondern nur darum stattzufinden.

Das Herausragende an diesem Buch ist, dass die Analyse der Autoren auch jenseits von Mattscheibe und Fernsehshow gültig ist. Pörksen und Krischke übertragen ihre Beobachtungen auf die Arbeitswelt. Wo Internet und soziale Medien permanente Beachtung bereitstellen, wo gepimpte Karriereprofile wichtiger sind als Qualifikationen, streiten die Kandidaten um Aufmerksamkeit.

Sie sei der Schlüssel zum Erfolg – und sie müsse nicht einmal mehr positiv sein. Auch wer negativ auffalle, könne Karriere als Marke machen. Hauptsache, man wird wahrgenommen. Das sei das wesentliche Kriterium, das künftig Karriere, Erfolg und Anerkennung definiert.

Neben der Analyse der Herausgeber finden sich in dem Buch 26 Interviews mit Casting-Kandidaten und Produzenten, Moderatoren, Models und Managern, TV-Chefs, Reality-Show-Teilnehmern, PR-Profis und Politikern. Darunter sind die SPD-Politikerin Heide Simonis, der Medienanwalt Christian Schertz, der Sternekoch Christian Rach oder der Spiegel -Journalist Dirk Kurbjuweit. Geführt wurden die Gespräche von Studierenden der Universität Tübingen. Die Befragten sprechen über Aufstieg und Fall, Erfolg und Absturz, über Karriereversprechen und Selbst-Entblößung, Authentizität, Manipulation und Tabubruch.

Den Studierenden ist es in den Interviews gelungen, hinter die glatte Fassade ihrer Gesprächspartner zu dringen und mehr einzufangen als imagefördernde Plauderei .

Fazit: Das Buch ist mehr als eine Kritik an einem Medienformat; es ist eine kluge Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft, in der die Castingshow zu einem Überall-Event mutiert, zum Multifunktions-Werkzeug im Bewerbungsverfahren um Anerkennung und Aufmerksamkeit. Nach der Lektüre erstaunt es den Leser nicht, dass Unternehmen Recruitingevents veranstalten, in denen sie sich Highpotentials casten. Dort, wo nur noch Castingshow stattfindet, geht es aber nicht mehr um Realität, sondern um inszenierte Authentizität. Und die fordert ihren Preis. Welcher das ist, zeigt dieses Buch. Prädikat: unbedingt lesenswert.

Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke (Hrsg.): Die Casting-Gesellschaft , Herbert von Halem Verlag, Köln 2010; 346 S., 18 Euro