Das Bild zeigt einen Mann im Anzug. Ernstes Gesicht, eine Finanzzeitschrift in der Hand. Neben dem Foto steht noch ein Satz des verstorbenen Bankmanagers Hermann Josef Abs: "Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinne zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen." Daniela Hoffmann*, Bewerbungstrainerin, zeigt das Foto in ihrem Fortbildungskurs für Bewerbungstrainer. Das Foto soll illustrieren, wie schwer es ist, ein gutes Bewerbungsfoto zu machen. Die Seminarteilnehmer schauen skeptisch. "Um Gottes Willen, so aufgesetzt", kommentiert eine Dame das Foto. Die Teilnehmer sind sich einig: Das Bild sei zu steif, zu gewollt. Und dann erst dieses Zitat. 

Hoffmann dagegen überrascht die Gruppe. Der Bewerber habe sich bei Versicherungen und im Vertrieb beworben. Und da sei sein Bild gut angekommen. Das Foto sei auf die Branche zugeschnitten. Der Bewerber zeige, wohin er wolle und wofür er stehe: Er sei nicht austauschbar. Damit hätten die wenigsten Teilnehmer gerechnet – und keiner von ihnen hätte einem Klienten zu so einem Bewerbungsfoto geraten.

Zwei Tage wollen sich die acht Teilnehmer in Hoffmanns Seminar auf den neuesten Stand bringen und Erfolgsrezepte unter Bewerbungscoaches austauschen. Die meisten von ihnen sind erfahrene Hasen und arbeiten schon seit Jahren in der Branche, einige sind erst eingestiegen. Viele sind für die Agentur für Arbeit tätig, andere sind selbstständig. Einer ist bei der Handwerkskammer angestellt und versucht, Jugendliche für das Handwerk zu begeistern. Die jüngste Teilnehmerin hat sich auf Hochschulabgänger und Doktoranden spezialisiert. Mehrere Hundert Euro kostet das Seminar. 

Ein Teilnehmer vergleicht die Jobsuche mit der großen Liebe: Das Bewerbungsschreiben sei der Liebesbrief, das Vorstellungsgespräch wie ein Blind Date. "Und es muss mit einer Verlobung enden", sagt er und meint den Arbeitsvertrag. Um Jugendliche für die Ausbildungsplatzsuche zu motivieren, frage er: "Was würdest du machen, um deine Traumfrau oder deinen Traummann anzusprechen?" So kämen die Einsteiger auf viele kreative Ideen für ihre Bewerbungen. 

Die Stärken des Bewerbers finden

Der Berater von der Handwerkskammer geht anders vor. "Als Erstes schaue ich mir die Mathe- und Physiknoten an", sagt er. – "Aber dann kriegen Sie nicht viele gute Bewerber", erwidert Hoffmann. – "Das ist ja das große Problem", erwidert er. Aber das mache nichts. Auch Schulabgänger mit schlechten Noten könne man fit für eine Laufbahn im Handwerk machen. Zu ihm kommen Jugendliche, die oft noch gar keine Vorstellung von ihrer Berufswahl haben. Aber dem Handwerk fehlt der Nachwuchs. Darum haben auch Schulabgänger mit schlechten Zeugnissen Chancen. Man müsse nur das Talent finden. Wie etwa bei dem Jugendlichen, der wegen seiner miserablen Noten im Abschlusszeugnis bei so gut wie jedem Arbeitgeber aussortiert worden wäre. Mit gezielten Fragen fand der Coach einige dem Jungen unbekannte Stärken und Interessen heraus: Der Junge erzählte, dass er Spaß daran habe, zu Geburtstagen von Freunden Nusstorten zu backen – und Pralinen. Aber er hatte nie daran gedacht, sich in diese Richtung beruflich zu orientieren. Und mit seinen Noten? Die waren am Ende egal. Heute arbeitet der junge Mann in einer Konditorei.

Genau das, lobt Hoffmann, sei der richtige Ansatz. Man müsse herausfinden, wofür die Menschen ein Talent haben. Klar, nicht immer sei der passende Beruf so naheliegend wie bei dem Jungen, der Nusstorten backt. Aber die Nusstorte stehe zum Beispiel für Ausdauer, Hygienekenntnisse, Kreativität und Feinmotorik. Aus so einer Erzählung das eigentliche Talent und besondere Fähigkeiten zu erkennen, sei eine entscheidende Aufgabe der Trainer. Besonders wichtig sei dieser Blick auf die Stärken bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen. Viele haben schon viele Misserfolge hinnehmen müssen und nach unzähligen Absagen oft kein positives Selbstbild. Nicht wenige denken, sie könnten nichts oder ihre Fähigkeiten seien auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt. Wenn Bewerber keine eigenen Stärken sehen und nicht an sich glauben, wird es ungleich schwieriger, sie erfolgreich zu vermitteln. Darum gilt hier: Mut machen! Aber wie gelingt das? "Die Kunst ist es, auf die individuelle Seite des Bewerbers einzugehen. Je individueller eine Bewerbung ist, umso besser ist sie", sagt Hoffmann. Die Bewerbung müsse zum Kunden passen – und zum Unternehmen, das einen neuen Mitarbeiter sucht. Eine Binse, eigentlich. Dennoch seien viele Arbeitslose überrascht, wenn sie hörten, dass sie ihre Unterlagen für jede neue Bewerbung anpassen und ändern müssten. Und dass die vielen Absagen mitunter schlicht auf eine völlig austauschbare Bewerbung zurückzuführen seien, die nicht im Ansatz die Fähigkeiten und Stärken des Jobsuchenden herausstellt.  

Es kommt immer auf den Einzelfall an

Aber was, wenn die Klienten einfach aufgrund ihres Alters immer wieder aussortiert werden? Auch für diesen Fall hat Hoffmann einen Tipp. Viele würden den Fehler machen, ihr Alter selbst zu stark zu thematisieren. Nach dem Motto: Die denken doch, ich sei zu alt für den Job. Die Berater nicken. Die Coaches sollten ihren älteren Klienten zu einem guten Foto raten und die Berufserfahrungen herausstellen. Auf jeden Fall sollten die Trainer ihre Kunden davon abhalten, sich mit einem alten Foto zu bewerben, auf dem sie noch jünger waren. Die Erfahrung zeige, dass Personaler dann erst recht in den Unterlagen das Alter überprüften. Generell sollten die Coaches ihren Kunden raten, kritische Themen wie etwa Alter in der Mitte eines Vorstellungsgespräches anzusprechen. Zu Beginn behinderten heikle Themen den Gesprächsverlauf und prägen den Ersteindruck, Negatives am Ende bleibt stärker in Erinnerung. 

So oder so: Es komme immer auf den Einzelfall an, bläut die Seminarleiterin ihren Teilnehmern immer wieder ein. Und dies sei doch auch das Schöne an ihrem Beruf. Falls es ein Schema F gebe, bräuchte man ja auch keine Berater.  

*Alle Namen wurden geändert.