Darf ich ein Vorstellungsgespräch wahrnehmen, auch wenn ich krankgeschrieben bin?, fragt Christian Weiser.

Sehr geehrter Herr Weiser,

grundsätzlich entscheidend ist, warum ein Mitarbeiter krankgeschrieben und somit arbeitsunfähig ist.

Konkret heißt das, dass Mitarbeiter während ihrer Arbeitsunfähigkeit kein gesundheitsschädigendes Verhalten an den Tag legen dürfen. Wäre ein Koch beispielsweise aufgrund einer Hauterkrankung arbeitsunfähig krankgeschrieben, würde aber dennoch im Nebenjob kochen, läge ein gesundheitsschädigendes Verhalten vor. Der Arbeitgeber könnte eine Abmahnung oder gar die fristlose Kündigung aussprechen.

Fesselt Ihre Krankheit Sie nicht an Haus oder Bett, und würde das Vorstellungsgespräch nicht Ihre Genesung behindern, dürften Sie das Gespräch wahrnehmen. Ihr Arbeitgeber könnte zwar versuchen, Ihnen zu unterstellen, dass Sie Ihre Arbeitsunfähigkeit vortäuschen. Er würde damit allerdings scheitern, wenn Sie beispielsweise aufgrund eines Bruchs "lediglich" über einen Gipsverband verfügen.

Denn dann könnten Sie zwar nicht arbeiten, dennoch aber ein Gespräch führen. Das heißt, Ihrem Arbeitgeber würde die Grundlage fehlen, Ihnen das Gespräch zu verbieten. Im Übrigen hat eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung einen sehr hohen Aussagewert und kann so schnell nicht erschüttert werden.

Ferner kann kein Arbeitgeber seinen Mitarbeitern vorwerfen, sich um eine andere Stelle zu bemühen. Deshalb ist eine Abmahnung oder gar Kündigung nicht rechtens – vorausgesetzt, der Mitarbeiter kommt generell seinen arbeitsvertraglichen Pflichten nach – auch während einer Krankmeldung.

Ist das Verhältnis zu Ihrem Arbeitgeber derart angespannt, dass er mit Sanktionen drohen würde, wenn er von dem Vorstellungstermin während Ihrer Arbeitsunfähigkeit erfährt, sollten Sie auf Nummer sicher gehen und das Gespräch nach Ihrer Krankheit führen. So vermeiden Sie unnötigen Ärger. Denn nach der Kündigung steht noch das Arbeitszeugnis aus. Und auch hier gibt es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber über die Leistungsbewertung.

Ihr Ulf Weigelt