Vor acht Jahren machten sich Brigitte Ott-Göbel und ihr Mann Gedanken über ihre weitere Lebensplanung. "Wir wollten unsere Energie nicht nur in die Arbeit stecken, sondern auch in ein Thema, das mit dem beruflichen Alltag nichts zu tun hat. In der Mitte unseres Lebens reizte uns ein neuer Schwerpunkt", erzählt die Stuttgarterin. 25 Jahre lang war sie bis dahin in der Automobilindustrie tätig und als Managerin bei Daimler häufig international unterwegs gewesen. Nebenbei hatte sich das kinderlose Ehepaar ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert. "Aber wir wollten etwas eigenes, um selbst bestimmen zu können, was wir inhaltlich machen wollen", erzählt Ott-Göbel. So entstand der Gedanke, eine Stiftung zu gründen, und damit einmal "etwas Sinnvolles zu hinterlassen".  

Ein Antrieb, den viele Engagierte in der aktuellen Studie des Bundesverband Deutscher Stiftungen als Auslöser nennen: 81 Prozent stiften, weil sie etwas Bleibendes schaffen möchten. Jeder Dritte der 700 Befragten gab an, von einschneidenden biografischen Ereignissen animiert worden zu sein – so wie kürzlich Mark Zuckerberg durch die Geburt seiner Tochter. Und natürlich haben alle ein Ziel: nachhaltiges Gemeinwohlwirken, dem sie für sehr lange Zeit Geld zur Verfügung stellen wollen.

Angesichts der Flüchtlingskrise tun sich hier neue Felder auf. Der Generalsekretär des Stifterverbands, Hans Fleisch, appelliert daher an die Politik, das Stiftungsrecht zu flexibilisieren  – "und das ist besonders dringlich, damit sich noch mehr Stiftungen für Flüchtlinge engagieren können."

Gelernt ist gelernt

Für die Initiatoren der Ott-Göbel-Jugend-Stiftung, die primär im Raum Stuttgart agiert, stand der Zweck ihrer Unternehmung von Anfang an fest: Sie wollten da weiter machen, wo sie schon angefangen hatten und die Gesundheit und Bildung von Kindern und Jugendlichen fördern. "Wir haben nur ein relativ kleines Kapital von circa 20.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Doch auch mit relativ kleinen Beträgen können wir viel im sozialen Bereich bewegen. Das ist eine tolle Erfahrung." Etwa bei dem Projekt Essend bereise ich die Welt, in dem Grundschüler lernen, gesundes Essen zu kochen. 

Bei der Stiftungsgründung 2007 war Brigitte Ott-Göbel noch angestellt, doch mit der Veränderung ging auch ein beruflicher Wechsel einher: Sie machte sich als Beraterin, Trainerin und Coach selbstständig. "Ich begleite heute Unternehmen in Veränderungsprozessen, mache Teamentwicklungen, coache Führungskräfte und moderiere Workshops. Zudem habe ich einen Lehrauftrag an der Fachhochschule für Ökonomie und Management in Stuttgart. " Damit ist sie voll beschäftigt. Wo bleibt da noch Zeit für die Stiftung?

"Das ist nur durch eine professionelle Arbeitsteilung möglich. Das Rüstzeug dazu haben mein Mann und ich im Unternehmen gelernt", sagt Ott-Göbel. Die unterschiedlichen Expertisen und Stärken des Personalers und der Managerin ergänzen sich in der Stiftungsarbeit. Der mittlerweile pensionierte Volker Göbel kümmert sich um alles Finanzielle und erledigt die Korrespondenz mit den Spendern. Ott-Göbel macht die Öffentlichkeitsarbeit  und entscheidet  gemeinsam mit ihrem Mann über die inhaltliche Ausrichtung – auch darüber, welche Projekte umgesetzt und mit wem Kooperationen eingegangen werden.  Außerdem ist mit Neffe Tim Göbel und seiner Frau Hanna bereits die Nachfolgegeneration mit an Bord.

Zu viel wurde es der 55-Jährigen bisher noch nie, sagt sie. "Außerdem ist die Stiftung mein Herzensthema. Die Aufgabe erfüllt mich." Im Zweifel würde sie lieber auf andere Aktivitäten verzichten denn auf die Stiftungsarbeit.

Weniger Arbeit, mehr Stiftung

Irmgard Reichstein hat ihren Beruf sogar auf 34 Wochenstunden heruntergefahren, um die Arbeit in ihrer Stiftung Taubblind leben leisten zu können. "Nicht alle Termine lassen sich am Abend oder Wochenende regeln", sagt sie. "Wir sind als Stiftung sehr aktiv und sprechen auch viel mit der Politik. Und wenn man Termine in den Ministerien hat, muss man sich an die Geschäftszeiten halten. Das Gleiche gilt für die Netzwerkarbeit." Reichstein arbeitet in der chemischen Industrie und ihr Arbeitgeber würde sie am liebsten 40 Stunden in der Woche beschäftigen, hat aber Verständnis für die umfangreiche ehrenamtliche Tätigkeit seiner Mitarbeiterin.

Diese widmet sich einem Problem, das in Deutschland etwa 10.000 Menschen betrifft: taubblinde Menschen, die ohne Unterstützung nicht mehr raus gehen können. Das sei fast wie eine Isolationshaft, beschreibt die 55-Jährige, die das Thema aus dem Familienkreis kennt. Ihr Bruder ist ebenfalls taubblind. "Doch die Behinderung als solche ist nicht anerkannt."

Und dafür kämpft sie mit ihrer Stiftung, arbeitet einerseits mit der Selbsthilfe zusammen und unterstützt diese, andererseits kämpft sie an der politischen Front für ein entsprechendes Gesetz. Taubblind leben hat im fünften Jahr ihres Bestehens 55.000 Euro Stiftungskapital angehäuft und akquiriert Spendengelder und Förderungen, um Inklusionshilfen oder spezifische Angebote für Betroffene zu ermöglichen. "Mein Antrieb ist die Unrechtssituation, der diese Menschen ausgesetzt sind. Bei meinem Bruder durfte ich miterleben, dass sie lösbar ist – durch eigene Investitionen, aber die Mittel hat nicht jeder. Dafür kämpfe ich", sagt Reichstein und betont, dass das nur mit viel Rückhalt möglich ist. "Mein Mann setzt sich ebenfalls für die Stiftung ein und meine zwei Kinder sind mittlerweile aus dem Haus, sodass ich den Rücken frei habe." Freundschaften würden allerdings sehr leiden, da die Abende oft mit Kommunikationsarbeit für die Stiftung belegt seien – freie Wochenenden gebe es kaum.

Bildung nach Afrika bringen

Auch das Schicksal von Beatrice von Keyserlingk hat zur Gründung einer Stiftung geführt. Auslöser dafür war der Tod ihres Lebensgefährten: Christian Liebig war Journalist und starb 2003 bei einem Raketenangriff in Bagdad. Ziel ihrer Unternehmung ist es, den Menschen in Afrika Bildung zu ermöglichen. Ihr Lebensgefährte liebte Afrika.

"Wir hatten schon häufig darüber gesprochen, was gute Entwicklungshilfe ist und was nicht so viel taugt. Bildung ist kein Almosen, man ist auf Augenhöhe mit den Menschen, gibt ihnen ein Handwerkszeug, mit dem sie selbstständig sein können", sagt die 46-Jährige. Dieses Ziel wollte sie nach dem Tod ihres Partners intensiv verfolgen. Mit seiner Familie, seinen Kollegen und Freunden gründete sie die Christian-Liebig-Stiftung, deren Grundkapital aus Liebigs Lebensversicherung stammte, um ein Zeichen zu setzen: "Ich wollte dem wahnsinnigen Irakkrieg etwas Hoffnungsvolles, etwas Zukunftsgerichtetes entgegen setzen."

Rechtlich gesehen ist die Stiftung ein eingetragener Verein. Dadurch hat von Keyserlingk mit dem Problem zu kämpfen, dass sie die Stiftungszwecke nicht mit Zinserträgen aus dem eigenen Kapital realisieren kann.

Doch das macht nichts. Alle Freizeit steckt von Keyserlingk in das Projekt. Die Münchnerin ist hauptberuflich Goldschmiedemeisterin und arbeitet auch Vollzeit in dem Beruf. Seit 16 Jahren kümmert sie sich für ihren Arbeitgeber um den An- und Verkauf von antikem Schmuck, ist viel im Ausland unterwegs und häufiger Gast auf Messen. Nach Feierabend ist sie dann für die Stiftung aktiv, ebenso am Wochenende und in den Ferien. Dann kümmert sie sich um den Aufbau von Schulen in Malawi, um Schulspeisungen, Lehrertrainings, die Vermittlung von Stipendien und das Aufrechterhalten des Netzwerkes vor Ort. Gibt es Veranstaltungen, auf denen sich die Stiftung mit einem Stand präsentieren kann oder Afrika-Tagungen innerhalb Deutschlands, opfert von Keyserlingk dafür teilweise ihren Urlaub. "Es fühlt sich tatsächlich so an, als ob ich zwei Jobs habe. Ich nenne auch immer beides, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde. Und bin glücklich damit."