ZEIT ONLINE: Herr Hesse, immer mehr Jobs werden heute nicht mehr extern ausgeschrieben. Wie findet man diese Stellen?

Jürgen Hesse: Um die nicht ausgeschriebenen Stellen zu finden, ist Netzwerken ein sehr wichtiges Mittel, weil man durch eine Empfehlung eine bessere Eröffnung hat als ohne. Soziale Netzwerke wie Xing oder Linkedin sind sehr wichtig. Xing ist das Minimum. Wenn Sie noch ein bisschen höher qualifiziert sind und auch über den regionalen Horizont hinausschauen möchten, sollte man Sie bei Linkedin finden. Es lohnt sich auch, eine eigene Homepage zu haben, auf die Sie verweisen. Man sollte nichts unversucht lassen.

ZEIT ONLINE: Welche Vorteile hat eine eigene Website?

Hesse: Von Vorteil ist, dass Sie sich eine eigene Bühne schaffen neben den Profilen in den Netzwerken und da zum Ausdruck bringen, was Sie bis dato geleistet haben und wie erfolgreich Sie waren. Wenn Sie schon eine Weile auf der Suche sind, ist es in Ordnung, wenn Sie sagen, Sie suchen jetzt eine neue Herausforderung. Es hat dann auch keinen Sinn, mit dem Alter zu sehr zu kokettieren. Im Prinzip habe ich den Eindruck, dass manche Personalentscheider mittlerweile sogar offener sind, sich mit älteren Kandidaten auseinanderzusetzen, als früher. Aber man muss auch klar sagen: Das sind nicht alle.

Auf der anderen Seite sind die Bewerber selbst oftmals diejenigen, die so ziemlich pessimistisch und ein bisschen nachlässig sind. Nach dem Motto: "Ich habe ja doch eh keine Chance." Es entsteht Verdruss, doch es müssten beide Seiten besser aufeinander zugehen.

ZEIT ONLINE: Ist Selbstvertrauen der erste Türöffner? 

Hesse: Ja. Wenn Sie einen neuen Job wollen, müssen Sie Überzeugungsstärke haben. Das heißt: Sie müssen die Leute von sich und von Ihren Qualitäten überzeugen. Auch wenn Sie gefrustet sind, auch wenn Ihnen Unrecht getan wurde. Auch wenn man auf unfaire Weise seinen Job verloren hat, darf man einem Bewerber nicht den Frust an der Nasenspitze beim Vorstellungsgespräch ansehen. Im Zweifel wollen die Personalentscheider nämlich eher optimistische, fröhliche, stabil wirkende Menschen.

ZEIT ONLINE: Aber die meisten über 50-Jährigen haben nun mal nicht mehr die Naivität eines Berufsanfängers.

Hesse: Natürlich, wenn man eine Weile auf dem Arbeitsmarkt ist, bleiben gewisse Blessuren nicht aus. Nur darf man die nicht herauskehren und das Gefühl vermitteln, dass man vom guten Glauben an sich und die Menschheit längst abgefallen ist, die Welt für böse hält und den Arbeitsmarkt für ein Haifischbecken. Es geht darum, das schön für sich zu behalten und sich stattdessen der eigenen Stärken bewusst zu werden. Auch wenn der Arbeitsmarkt natürlich ein Haifischbecken ist.

ZEIT ONLINE: Inwiefern tun sich die Älteren schwerer mit dem Schreiben von Bewerbungen?

Hesse: Es sind gestandene Bewerber, aber sie sind oftmals weniger aufgeschlossen für all die neuen Entwicklungen. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass man heute auch ein kurzes, einminütiges Vorstellungsvideo machen kann. Wenn man denen das vorschlägt, schauen sie einen erstaunt an. Doch wenn ich mich erfolgreich behaupten möchte auf dem Arbeitsmarkt, muss ich lernen, mich all dieser neuen Entwicklungen zu bedienen und mich notfalls auch beraten lassen.

ZEIT ONLINE: Stichwort Lebenslauf: Wie kann da ein erfahrener Bewerber punkten?

Hesse: Der Lebenslauf oder besser berufliche Werdegang sollte nicht wie früher chronologisch mit der Geburt beginnen. Heute hat die amerikanische Form des Lebenslaufs gegenüber der klassischen deutschen Form absolute Vorteile, weil er mit der aktuellen Tätigkeit beginnt. Und bei jeder Position, die ich ausgeübt habe, sollte mit ein paar Schlagworten zu lesen sein, welche Aufgabe, welche inhaltliche Herausforderung ich zu erfüllen hatte. Mit welchen Erfolgsergebnissen. Der berufliche Werdegang darf dann auch zwei oder mehr Seiten haben.

"Es ist wichtig, dass einem Mut zugesprochen wird"

ZEIT ONLINE: Was bringt eine Dritte Seite oder ein Motivationsschreiben?

Hesse: Die Dritte Seite oder Motivseite ist nicht immer notwendig. Aber wenn die gut getextet und nicht zu voll ist, kann man zusätzlich etwas rüberbringen. Warum soll man sich für diesen Kandidaten interessieren? Was ist mein Alleinstellungsmerkmal, was sind meine Kernkompetenzen, meine vorzeigbaren Leistungen und aus welchem Holz bin ich geschnitzt? Das will verdammt gut überlegt sein und da gibt es bei Älteren mehr zu sagen als "nur Erfahrung".

ZEIT ONLINE: Führen Initiativbewerbungen schneller zum Ziel als Bewerbungen auf eine Anzeige?

Hesse: Man darf nichts ausschließen, prinzipiell sind alle Wege, die zum Job führen, gleichrangig wichtig. Es wichtig, beides zu tun – Initiativbewerbungen zu verschicken und sich auf ausgeschrieben Stellen zu bewerben.

ZEIT ONLINE: Vor allem hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte brauchen länger, um Anschlussjobs zu finden, als früher. Haben Sie Geheimtipps?

Hesse: Es stimmt. Stellen werden heute oft nicht mehr so schnell besetzt wie früher und wie man sich das wünschen würde. Die Arbeitgeber lassen manche Positionen oft ein halbes Jahr, wenn nicht sogar ein ganzes Jahr unbesetzt. Früher führten die Firmen auch nur ein Vorstellungsgespräch, heute gibt es Firmen, die führen drei Gespräche und wollen, dass Sie eine Referenzliste beibringen. Die Referenzen werden von einem anderen Unternehmen, einer Art Wirtschaftsdetektei, überprüft. Dieses Prozedere dauert eine  längere Zeit, da ist ein Viertel- oder halbes Jahr gar nichts. Also man muss sich auf eine lange Durststrecke einstellen.

ZEIT ONLINE: Also geht es darum, den Mut nicht zu verlieren?

Hesse: Richtig! Darum ist es ganz wichtig, dass man etwas gegen die raue Situation unternimmt, wenn die Haut immer dünner wird, wenn man einige Enttäuschungen erlebt hat und verdauen muss. Wichtig ist, dass man ein "Kompetenzteam" um sich versammelt hat, das einen aufbaut, dass einige Menschen um einen herum sind, die sagen, ich glaube an dich, oder: Schaue mal, da gibt es jemanden, der dich beraten kann. Dass nicht Vorwürfe kommen, sondern dass einem Mut zugesprochen wird. Denn man braucht Durchhaltevermögen.