Auf einer kleinen Heizplatte steht ein Messbecher mit einer Flüssigkeit, die sich strudelförmig dreht. Sebastian Maaß steckt eine Apparatur hinein, die an einen Computer angeschlossen ist. An der Spitze des Stabes zucken Lichtreflexe, Blasen entstehen und auf dem Monitor des Computers erscheinen Kreise. Maaß ist Verfahrenstechniker und misst Partikel. Und zwar mit einem völlig neuen System: Als Start-up-Unternehmer der Sopat GmbH hat er zusammen mit einem Informatiker und einem Chemiker ein industrielles Partikelmesstechniksystem entwickelt, mit dem Partikel nicht mehr mühselig ausgemessen werden.

Was 2011 als Nebenprodukt von Maaß' Dissertation begann, ist heute ein Geschäftsmodell, das Anklang in der Industrie findet. Viele Großkonzerne aus der Chemie testen die Prototypen. Das Start-up beschäftigt mittlerweile zehn Vollzeit- und acht Halbtagskräfte.

Dass seine Firma so schnell so erfolgreich werden konnte, führt Maaß auf die Hilfe der Technischen Universität Berlin zurück, zu der das Centre for Entrepreneurship (CfE) gehört. Hier konnte der Wissenschaftler seine Idee ein Jahr lang mit Fördergeld aus dem Exist-Programm entwickeln, danach fand er private Investoren. "Ein Vorteil ist die Nähe zu talentierten Studierenden, sie bilden das Rückgrat unserer Mannschaft. Viele unserer Mitarbeiter sind Absolventen der TU-Berlin", sagt Maaß. Auch die  Räume der Uni darf das Sopat-Team nutzen. Gründerinsel nennen sie das. Doch in drei Jahren ist Schluss: "Dann muss der Break-Even erreicht sein", sagt Maaß.

Angefangen hat für ihn und sein Team alles vor vier Jahren auf der anderen Seite der Universität: im Inkubator, dem Herzen des CfE. Es ist ein kleines mit Efeu bewachsenes Haus, in dessen Erdgeschoss sechs kleine Büros von einem knallorange gestrichenen Flur abgehen. Das sind die Brutkästen, in denen angehende Unternehmer ihre Ideen entwickeln dürfen. Rund 20 High-Tech-Start-ups werden hier pro Jahr gegründet. Manche sind sehr erfolgreich, etwa die Berliner AVM, deren Fritzbox heute in jedem zweiten Haushalt steht.

Doch in die Ideenschmiede  kommt nicht jeder rein. "Zunächst müssen uns die Gründungsinteressierten von ihren Konzepten überzeugen. Wir wollen sehen, wie ernst es ihnen ist, wer hinter der Idee steht und ob das Team noch ergänzt werden sollte", beschreibt CfE-Leiterin Agnes von Matuschka den ersten Schritt. "Während des Inkubationsprozesses achten wir insbesondere auf die Ansprache von Kunden und die Finanzierung." Deshalb bewerten auch ein Markt-, ein Branchen- und ein Skalierungsexperte das Geschäftsmodell.

Wer überzeugt, wird zum Investoren-Dinner eingeladen. "Dort treffen die Gründer auf Professoren, ehemalige Daxvorstände oder Alumni, die zwischen 50.000 und 300.000 Euro investieren wollen", sagt Matuschka. Die meisten Start-ups erhielten zudem das einjährige Exist-Gründerstipendium. Die anschließende Finanzierung sei oft ein Knackpunkt. "Einige nehmen Kredite auf, verpfänden Eigentum oder haben das Glück, einen Businessangel zu finden, der an ihre Idee glaubt und sie finanziert", erzählt Matuschka.

Brutkasten in orangem Ambiente

Trotz dieser Unsicherheiten entschieden sich  immer mehr  Absolventen für den unternehmerischen Weg und nicht, wie noch vor fünf Jahren, für den wissenschaftlichen. 800 Unternehmen zählen bereits zu den Alumni der Hochschule. "Bei den Studenten hat ein Kulturwandel eingesetzt. Sie überlegen, wie sie ihr Wissen für ein Unternehmen umsetzen können", sagt Matuschka.

Dabei sind diese Unternehmer nicht nur in der Industrie zu finden. Corinna Powalla, die Gründerin von Modomoto, bietet beispielsweise kuratiertes Shopping für Männer im Internet an: Mithilfe gesammelter Informationen wird für den Kunden eine neue Garderobe zusammengestellt. Christoph Nefzger machte sich mit seiner Jobbörse Stellenticket selbstständig und das Start-up Cringle bietet Privatpersonen unkomplizierte Bankgeschäfte via Smartphone zwischen Freunden. Die Idee dazu hatte Joschka Friedag: "Nach einem Fußballspiel war ich mit Freunden ein Bier trinken. Nur einer von uns hatte Geld dabei und legte die Summe aus. Aber alle hatten ein Smartphone dabei. Da dachte ich, wie einfach es wäre, wenn wir das Geld gleich mit dem Smartphone überweisen könnten."

Bestärkung fand der Wirtschaftsingenieur durch eine  Studie der deutschen Bundesbank, die belegt, dass täglich 116 Millionen Euro zwischen Privatpersonen transferiert werden. Der Markt war ausgemacht, eine Geschäftsidee gefunden. Für die Umsetzung suchte sich Friedag zwei Informatiker und einen Betriebswirtschaftler. Das Team plante und designte ein Jahr lang im Inkubator der TU, nun hat es eigene Geschäftsräume in Berlin bezogen. Seit Mitte November kann sich jeder die App von Cringle auf sein Handy laden und damit Geldbeträge  bis zu 100 Euro überweisen. Eine Überweisung kostet zehn Cent. Für Sicherheit sei gesorgt: "Die Kontodaten liegen auf einem Server in Europa", sagt der 29-jährige Friedag. Seit Mitte Dezember werden die Transaktionen von einer deutschen Großbank abgewickelt.

Solche Erfolgsgeschichten gibt es viele an der TU, die gerade vom Stifterverband der Deutschen Wissenschaft als beste Hochschule Berlins für Gründungsförderung ausgezeichnet wurde. In Zukunft wollen sich Matuschka und ihre Kollegen stärker um den europäischen und internationalen Markt kümmern.  "Auf der Transatlantic Makers Conference in New York hat sich vor zwei Jahren noch niemand für die Berliner Gründer interessiert. Das war in diesem Jahr anders. Wir haben noch eine Menge Potenzial."