Die Streicher haben den Beat. Sie summen, kratzen und schieben, kreiseln durch eine synkopierte Rhythmik, die bald auch von einem Schlagzeug aufgegriffen und in die Gefilde der Rockmusik gezerrt wird. Es gibt Akkordwechsel wie in einem Popsong. Obwohl über 13 Minuten beinahe immer dasselbe passiert, baut Ari Benjamin Meyers mit seiner Symphony X eine sich immer weiter verdichtende, drohende Spannung auf. 13 Minuten strebt der erste Teil seines einstündigen Orchesterwerkes einer Auflösung zu, doch immer wieder wird sie hinausgezögert. Im zweiten Teil wiederholt sich das Spiel: Das Drama dieser Musik ist, dass es kein Drama mehr gibt.

Es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass Orchester wie Maschinen klingen. Meyers hat eine Formation von 15 Bläsern und Streichern um sich versammelt und um eine Rockband mit Bass, E-Gitarre und Drums ergänzt. Sein Redux Orchestra tritt in Clubs ebenso auf wie bei hoch subventionierten Musikfestivals. Ende des Monats wird Symphony X als Album erscheinen (bei Indigo). Unüberhörbar steht es in der Tradition der Minimal Music, wie sie von Steve Reich geprägt worden ist: Die Melodie wandert in den Rhythmus ein und beschwört so einander überlagernde Figuren herauf, die sich in einem gradual process (Reich) immer weiter intensivieren. Beim Redux Orchestra kommt als Besonderheit hinzu, dass ihm auch das Brachiale nicht fremd ist. Bis in den Hardcore-Lärm vermag es seine serielle Dynamik fortzusetzen.

Damit stehen das Redux Orchestra und sein 37-jähriger Komponist für einen sich über Jahre anbahnenden und nun voll erblühenden Trend: Praktiken der klassischen Musik gehen im Pop auf – und umgekehrt. Ebenso, wie sich das klassische Orchester und seine akademisch geschulten Mitglieder an elektronischen Clubsounds orientieren, greifen DJs und Soundtüftler wie das Berliner Laptop-Orchester vermehrt auf das Klangreservoir klassischer Instrumente zurück. Die Folge: eine vollkommen neue Musik, die noch nicht einmal einen Namen hat.

Noch hat sie auch die Hitparaden nicht erreicht und spielt sich in Berlin, einer ihrer Hochburgen, hauptsächlich in den Nischen der Subkultur und in innovativen Institutionen wie dem Radialsystem ab. Unweit davon öffnet ihr sogar der Techno-Tempel Berghain ab heute für das dreitägige C3-Festival seine Tore. Der Titel steht für Club Contemporary Classical, woraus nicht nur eine Nähe der Klubkultur zur Klassik spricht. Auch dem Raubrittertum vergangener Tage ist man entwachsen. Laptop-Komponisten speisen klassische Musik nicht mehr nur als Wellness-Faktor in ihre Loops und Klangflächen ein. Die kulturelle Demarkationslinie zwischen Klassik und Elektro gerät vielmehr grundsätzlich ins Wanken.

Verantwortlich dafür ist das große Geld. Denn es ist nicht mehr da. "Die Musikindustrie konfiguriert sich neu", sagt Carsten Nicolai, und es ist kein Zufall, dass er über die Krise am Tonträgermarkt redet wie über eine Festplatte. Nicolai ist Bildender Künstler und unter dem Namen Alva Noto einer der exponiertesten Vertreter der Berliner elektronischen Avantgarde, der Computer ist sein wichtigstes Werkzeug. Der dauerhaft rückläufige Absatz habe die Wertvorstellungen innerhalb der Popkultur verschoben, meint Nicolai. Da Musik umsonst im Netz zirkuliert, gibt es für Musiker keine verlässliche Rückmeldung mehr, über wie viel Popularität sie verfügen. "Diese Situation wird von den Popstars und den Avantgardisten geteilt." Mit dem Ergebnis, dass Popmusik als Identitäten stiftendes Moment an Kraft verliert. Weder Lebensstile noch soziale Relevanz kann sie generieren. "Es geht nur noch um die Musik", triumphiert Nicolai auf stille, inwendige Art, ""und nicht mehr um die Mittel ihrer Erzeugung".

Unter den Elektronikern ist Nicolai der Ontologe. Er denkt Sound von den Grundlagen her. So treibt ihn die Suche nach den digitalen Ur-Teilchen zu immer filigraner gebauten Klangstrukturen. In der Nachfolge von Dennis Gabors Theorie vom "akustischen Quantum" zerlegt er Geräusche in ihre Bestandteile – bis in Skalierungen hinein, die in Schönbergs Begriff von der "Mikrotonalität" angelegt sind, jetzt aber erst verwirklicht werden können. "Die Note C, gespielt von einer Violine, ist für uns zu undefiniert. Wir können aus Datenreihen kleinste Teilchen am Computer zeichnen, ohne sie noch hören zu müssen", erklärt er. Nicht nur hat er den Quellcode von Windows-Programmen wie Word und Excel in Sounddateien umgewandelt und als rauschende Signalcluster hörbar gemacht. In einem gegenläufigen Prozess extremer Ausdünnung reduziert er Sounds zum "Granulat", das er oft auch in Kompositionen anderer einstreut. Auf der jetzt erschienenen Compilation Reflections on Classical Music ist Nicolais Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamoto festgehalten. Wie Störsignale durchschneiden die elektronischen Soundsplitter eine meditative, romantisch wehende Melodie des Pianisten. Es puckert wie eine vernarbte Wunde.

"Die letzten zehn Jahre haben wir extrem stark elektronisch komponiert. Jetzt geraten Aspekte in den Fokus, die am anderen Ende der Polarität liegen", erklärt Nicolai das wachsende Bedürfnis der Elektro-Szene nach dem Klangmuster klassischer Instrumente, in seinem Fall des Klaviers: "Melodie ist wieder ein Thema. All die komplexen Rhythmen, die uns in den Clubs begeistert haben, können wir nicht mitnehmen. Melodien schon, sie sind wie ein Bild."