Sie sitzt auf dem Motorrad, roter Staub wirbelt, die blonden Haare flattern im Fahrtwind, und es ist das einzige Mal, dass sie richtig glücklich aussieht, in diesem Film, der ein einziger langer, verzweifelter Lauf durch die Finsternis ist. Isabelle Huppert spielt eine Kaffeeplantagenbesitzerin in Claire Denis’ White Material, und gerät mit dem Versuch, ihre Ernte zu retten, mitten in einen afrikanischen Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und Aufständischen. Und während alle anderen Weißen fliehen, will sie bleiben, diese schmale, zarte Frau, die sich ihrer Plantage so verwachsen fühlt, dass sie die mörderische Realität nicht mehr begreift.

Oder nehmen wir Jane Birkin, die in Jacques Rivettes melancholisch-theatralischer Altersballade 36 vues du Pic Saint Loup mit einem Kleinzirkus durch Südfrankreich tourt, jeden Abend vor halbleeren Bänken spielt, und eine ähnliche zerbrechliche Hartnäckigkeit zeigt, eine Entschlossenheit, nichts mehr an sich heranzulassen. Und es muss schon der etwas aufdringlich wohlmeinende Sergio Castellitto kommen, der dem Zirkus einige Tage folgt und irgendwann aus Jane Birkins schmalem, herben Gesicht ein Lächeln zaubert, das magischer ist als alle Zirkustricks zusammen.

Und die dritte im Bunde ist Charlotte Gainsbourg, die in Patrice Chéreaus langatmiger Psychostudie Persécutioneine junge Frau spielt, die mit ihrem Freund (Romain Duris) eine liebevolle Distanzbeziehung führt. Und als er, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und durch das Auftauchen eines Stalkers völlig aus der Bahn geworfen wird, mit ihrer Souveränität nicht mehr klarkommt, verlässt sie ihn, mit einer Zärtlichkeit, die ein letzter, schöner Liebesbeweis ist. Nur, dass die Liebe irgendwann das Leben nicht mehr trägt.

Drei französische Filme im Wettbewerb von Venedig, dreimal verletzliche und doch unendlich starke Frauen. Claire Denis ist dabei der eindrucksvollste Beitrag gelungen – wenn man die blondlockige Regisseurin, die wie sonst nur Kathryn Bigelow in ihren Filmen einen Sinn für Kriegs- und Männerposen zeigt, auf der Pressekonferenz erlebt, wirkt sie wie ein Alter Ego von Isabelle Hupperts Filmfigur. Afrika war ihr, die als Kind einige Jahre dort lebte, schon immer eine Herzensangelegenheit, und die Konsequenz, mit der sie Fragen von Kolonialismus und Rassismus – White Material ist der verächtliche Name der Afrikaner für die weißen Siedler – behandelt, macht sie zu einem der wenigen Löwenkandidaten bislang.

Und während das europäische Feld ganz den Schauspielerinnen gehört, liefert sich Amerika einen Wettbewerb darum, welcher Superstar sich hässlicher, abgewrackter, dämlicher präsentiert. Richard Gere, der sich in Antoine Fuquas Brooklyn’s Finest als Cop kurz vor der Pensionierung müde und desillusioniert durch die täglichen Straßenkonflikte schlägt, ist da noch die milde Variante, verglichen mit dem dauerberauschten Nicolas Cage.