Monika Grütters repräsentiert eine aussterbende Art: das Bildungsbürgertum. Bildungsbürger zu sein, bedeutet, sich auf das Wissen der Vorfahren einzulassen, tief zu schürfen, um dann entscheiden zu können, was sich zu bewahren lohnt. Dass sich aus dem Wust der künstlerischen Produktion vergangener Jahrhunderte ein Kanon herausschälen konnte, ist den Bildungsbürgern zu verdanken, die als einziges Kriterium die Qualität anerkennen. Und wenn es heute beim Theater- und Opernpublikum ein demografisches Loch zwischen 35 und 65 gibt, dann liegt das auch daran, dass die Kinder der 68er-Generation immer noch die Vorurteile ihrer Eltern gegen die klassischen Kulturtempel pflegen, die sich aber längst fundamental gewandelt haben. Mit ihrem eigenen Nachwuchs müssen sie nun erst wieder konstruktiven Kulturkonsum lernen.

Wertkonservative wie Monika Grütters haben da einen Vorsprung. Geboren 1962 in Münster, aufgewachsen im katholischen Westfalen, hat sie die typische Kombination studiert, mit der sich vielseitig interessierte Kinder aus gutem Haus nach dem Abi ein paar Jahre Bedenkzeit ausbitten: Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Auch nach dem Abschluss sucht sie wiederum die maximale Vielfalt, zuerst im Team der Oper Bonn, dann als Öffentlichkeitsarbeiterin beim Berliner Museum für Verkehr und Technik. Gleich nach der Wende war sie mit dabei, als die Buchhandelsgesellschaft Bouvier sich im Ostteil Berlins etablieren wollte, 1992 folgte der Job als Pressesprecherin des Wissenschaftssenators.

Alles, was Monika Grütters – weiterhin ganz Musterschülerin – in diesen Wanderjahren an Eindrücken aufgesogen hat, bringt sie ab 1995 ins Berliner Abgeordnetenhaus mit. Zehn Jahre dient die CDU-Politikerin dem Stadtparlament, wird kulturpolitische Sprecherin – und Vertraute von Klaus-Rüdiger Landowsky –, übernimmt parallel zum Volksvertreterauftrag die Unternehmenskommunikation jener Bankgesellschaft Berlin, die später die Stadt in eine Krise stürzt.

Es ist ihr bildungsbürgerlicher Hintergrund, der Grütters davor rettet, zu tief in den Filz abzugleiten – der ihr letztlich aber auch die Chance verbaut, die Spitzenposition der hemdsärmeligen, vom Machismo geprägten Hauptstadt-CDU zu übernehmen. Stattdessen wird eine andere, von alten ethischen Werten geprägte Frau der Christdemokraten auf Monika Grütters aufmerksam: Angela Merkel will diese Schwester im Geiste im Bundestag sehen. Ein guter Landeslistenplatz macht es 2005 möglich.

Mit ihrer Wiederwahl 2009 ist der 48-Jährigen nun ein weiterer Karrieresprung gelungen. In dieser Legislaturperiode ist Grütters Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses. Ein deutliches Signal an die Apparatschiks in den eigenen Reihen, die sich auf dem Feld der Kulturpolitik tummeln, sei es Bundestagspräsident Norbert Lammert (62 Jahre, seit 1980 Parlamentarier), sei es der kulturpolitische Sprecher Wolfgang Börnsen (68 Jahre, seit 1987 Parlamentarier), sei es der hartgesottene Politprofi Bernd Neumann, der dank Strippenzieherkompetenzen seinen Job als Kulturstaatsminister verteidigen konnte.

Mit Monika Grütters wird in den kommenden Jahren nun also eine Bildungsbürgerin die Arbeit des Bundestages in Sachen Kultur inspirieren. Und dabei wird es ihr ein Herzensanliegen sein, ihre Kollegen dafür zu sensibilisieren, dass die Blüte von Malerei, Musik, Theater und Tanz in diesem Land wesentlich das Bild bestimmt, das sich die Welt von uns macht. "Nationale Identität erwächst doch nicht aus der Qualität der Autobahnen, sondern aus dem kulturellen Leben", beschwört Grütters ihr Credo. "Viele Menschen mögen das nicht konkret reflektieren, aber sie merken, dass eine Wertedebatte in Gang gekommen ist."

Die Schlüsselpositionen der Bundesrepublik sind mittlerweile überwiegend von Menschen besetzt, die einen popkulturellen Hintergrund haben, die mit Rammstein mehr anzufangen wissen als mit Robert Schumann, die in ihrer Identität von Woodstock geprägt wurden, nicht von Klopstock. Was wiederum zu einem ungerechten Blick auf die Kultur geführt hat. Rock und Pop funktionieren nach dem Prinzip der Marktwirtschaft: Was sich verkauft, setzt sich durch. In der Hochkultur aber gilt die Prämisse: fördern, was es schwer hat. Und aushalten, hinterfragen, was sich nicht auf den ersten Blick erschließt.