Frage: Monsieur Lacroix, in einer Zeitung stand über Sie: Als Maler wäre er ein großer Kolorist geworden. Welche Farbe hat für Sie Händels „Agrippina“?

Christian Lacroix: Rotbraun, die Farbe getrockneten Blutes. Das wäre meine Wahl gewesen, aber das hätte nicht zu der Idee von Regisseur Vincent Boussard gepasst. Er wollte das Stück in einem minimalistischen Ambiente ansiedeln und daher trägt unsere Agrippina jetzt schwarz. Ein Haute-Couture-Kostüm natürlich, sehr eng anliegend, weil es für die Sängerin gar nicht eng genug sein konnte.

Frage: Das klingt, als würden sie Ihre Kostüme nicht nur den Darstellern, sondern auch den Ideen des Regisseurs auf den Leib schneidern.

Lacroix: Klar, wenn es nur nach mir ginge, würde ich vermutlich bei jeder Inszenierung eine Orgie aus Farben und endlosen Stoffbahnen feiern. Normalerweise fangen wir sehr früh an, uns Gedanken zu machen. Vincent erzählt mir stundenlang etwas über das Stück und ich mache kleine Skizzen, aus denen sich allmählich Kostümideen herausschälen. Aber diesmal kam ich relativ spät dazu, weil ich wegen der Abwicklung meines Modehauses hauptsächlich mit Rechtsanwälten beschäftigt war. Und da gab es eben schon einen Plan: ein Barockkostüm, der Rest modern. Anzug, Krawatte und so weiter, ein bisschen wie ein klassischer Schwarz-Weiß-Film.

Frage: Das verwundert, weil Sie und Boussard ja Cavallis „Eliogabalo“, ein vergleichbares Intrigendrama vom römischen Kaiserhof, auf sehr opulente, historische Weise inszeniert haben.

Lacroix: Bei "Eliogabalo" schwebte Vincent das Finale einer Fashion Show vor. Das kam wohl auch, weil er eine Modenschau von mir gesehen hatte und mich dann als Kostümbildner haben wollte. Aber wir wollten uns gerade wegen der Ähnlichkeit der Geschichten nicht wiederholen, man fällt sonst leicht in Gewohnheiten. Unterschätzen Sie nicht die Schwierigkeit, perfekte Haute-Couture-Anzüge in schwarz herzustellen, die auf jeden Charakter zugeschnitten sind.

Frage: Sind Ihre Entwürfe auch der Musik angepasst? Schwere Faltenwürfe für eine große Da-Capo-Arie?

Lacroix: Ich bin sehr vorsichtig und erlaube mir nicht, die Musik anzuhören, bevor ich Vincents Ideen gehört habe. Meine Ideen wären natürlich viel barocker. Oder auch kitschiger: Für Agrippina hätte ich mir eine Art Joan Collins in „Denver Clan“ vorgestellt. Wahrscheinlich ist es gut, dass es anders gekommen ist.

Frage: Ist der Arbeitsprozess in der Oper nicht vergleichbar mit dem der Haute Couture? Im Kopf hat man ein Model mit perfekten Maßen, aber man muss dafür sorgen, dass auch bei Größe XL noch etwas von der Idee und Eleganz des Kostüms übrig bleibt?

Lacroix: Absolut. Haute Couture ist sowieso sehr nahe an der Oper – denken Sie an die ganzen Drama Queens. Und die Haute-Couture-Trägerinnen sind ja auch keine Durchschnittstypen, sondern Frauen, deren Lifestyle ebenso wenig alltäglich ist wie der einer Opernfigur – und die auch keine Model-Figur haben. Die brauchen Kostüme für jeden Auftritt: Hochzeiten, Vernissagen und so weiter.