Die 82-jährige Georgette Tsinguirides hat am Samstagabend in Essen den Deutschen Tanzpreis 2010 erhalten. Die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Preisträgerin sei ein "einsamer Weltstar der Choreologie (Tanzschrift)", sagte der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland, Ulrich Roehm, bei der Preisverleihung im Essener Aalto-Theater.

Die 82-Jährige, die seit 65 Jahren dem Stuttgarter Ballett angehört und noch aktiv ist, gilt als wichtigste Nachlassverwalterin der Ballettlegende John Cranko. Die nicht dotierte Auszeichnung wurde seit 1983 unter anderem an Pina Bausch, John Neumeier und Marcia Haydée vergeben.

Auf Anregung Crankos hatte Tsinguirides nach einer Karriere als Ballerina sogenannte Tanzschriften gelernt, mit denen einzelne Bewegungen wie in einer Partitur präzise schriftlich aufgezeichnet werden können. 1966 wurde sie beim Stuttgarter Ballett erste hauptberufliche Tanzschrift-Expertin Deutschlands. Während ihrer internationalen Karriere habe Tsinguirides für 45 Ballettensembles in aller Welt gearbeitet, sagte Roehm.

Auch im Zeitalter von Film und Video sind Tanzschriften mit Namen wie "Benesh-Movement" und "Laban-Notation" nach Auffassung von Experten der exakteste Weg, ein Ballett detailgetreu weiterzugeben. Die fünf Linien des westlichen Notensystems repräsentieren Kopf, Schultern, Hüfte, Knie und Füße des Tänzers. Wie die Glieder bewegt werden, kennzeichnen Symbole auf den Linien. Synchron zum Tanz kann in dieser Partitur auch die Musik notiert werden.

Entwickelt wurden die Tanzschriften im 20. Jahrhundert von dem Tänzer und Choreographen Rudolf von Laban und dem britischen Ehepaar Rudolf und Joan Benesh. "Ohne die Benesh-Notation wären sicher viele Ballette verloren gegangen", sagte Tsinguirides. Anerkennungspreise erhielten auch die Essener Tanzschrift-Dozentin Christine Eckerle und die Hamburger Choreologin Susanne Menck.

Der Tanzpreis "Zukunft 2010" ging an die Erste Solotänzerin des Berliner Staatsballetts Berlin Iana Salenko. Die in Kiew geborene Ballerina war bereits bei mehreren internationalen Ballettwettbewerben ausgezeichnet worden. Die mit ihrem Tänzer-Kollegen Marian Walter verheiratete 24-jährige Preisträgerin ist Mutter eines kleinen Sohnes.