Es ist der Reiz des Unfertigen. Im Bucerius Kunstforum in Hamburg stolpert man über Müll, Farbe und ein paar achtlos abgelegte Holzbretter. Und das mitten in der Ausstellung. Hätte man ja auch mal wegräumen können. Doch der Eindruck täuscht. Wenn der Besucher um die Ecke geht, findet er eine exakte Reproduktion der vermeintlichen Baustelle: eine Installation der Schweizer Aktionskünstler Fischli und Weiss.

Spätestens hier wird klar: Es geht um Illusion und Wirklichkeit. "Gerade jetzt im digitalen Zeitalter, welches geprägt ist von Fragen nach dem Realitätsgehalt von Bildern, zeigt sich die Brisanz des Themas.", sagt Ortrud Westheider, die Direktorin des Bucerius Kunst Forums. Neben ihr steht heftig nickend Finn Ole Ritter: perfekt sitzender Anzug, Brille. Er ist Vorsitzender der Jungen Liberalen Hamburg und laut Selbstbeschreibung "Versicherungsfachmann, und wohl der schönste...".

Was die drei Punkte andeuten sollen, bleibt ungeklärt. Geht es nach Meinung der deutschen Feuilletons von WELT bis FAZ aber zumindest momentan der schön blödeste. Zumindest seit sich die Jungliberalen vergangene Woche über die Che-Guevara-Figur  vor dem Hamburger Rathaus echauffiert haben. Sie können sich "die Hintergründe der Aufstellung der Statue" nicht erklären. Vielleicht eine Guerilla-Aktion irgendwelcher Vandalen. Dass die "Popikone der Linken", wie es in der herausgegebenen Pressemitteilung heißt, Bestandteil der gerade laufenden Ausstellung "Täuschend echt: Illusion und Wirklichkeit in der Kunst" ist, das, ja das haben die Julis so nicht gemerkt.

Jetzt schlendert Ritter, der Getäuschte, bewundernd durch eben diese Ausstellung. Er habe viel gelernt. Junge Leute trügen ja immer ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn sie an Ausstellungen denken. Welches denn? "Ich hatte eigentlich gedacht, dass da grundsätzlich nur Bilder hängen würden. Aber da ist ja noch so viel mehr", schwärmt er. Dann bleibt er vor einem Werk stehen, das ihn besonders fasziniert. Es ist ein als Stillleben getarntes Selbstbildnis des niederländischen Künstlers Samuel van Hoogstraten. Zwischen den ihn stilisierenden Utensilien findet sich auch ein Medaillon. Das wurde Hoogstraten von Ferdinand dem Dritten verliehen, dem Habsburgkaiser, der auf seine Bilder reingefallen war. Als Anerkennung.

Ritter findet das erstaunlich. Die Größe, darüber zu stehen, wenn man so getäuscht und bloßgestellt wurde. Ob denn Herr Jankowski, der die Che-Figur erstellt hat, nun auch eine verdient? "Ja", sagt er nun etwas zögerlich, "wir nehmen das ja mit Humor".

 

Jetzt steht Ritter wieder vor der Baustelle am Eingang. Sieht echt aus. Auch die Liberalen sind so eine Art Baustelle. Nach elf Jahren in der Opposition versucht sich die Partei nun als regierungstauglich umzubauen. Mal leise, mal laut und schrill mit einem omnipräsenten Vorsitzenden Guido Westerwelle. Auch Westerwelle ist eine ständige Baustelle: Spaß-Guido, Projekt-18-Guido, Sozialstaatsdiskussions-Guido oder Diplomaten-Guido. Zwischenzeitlich war er mal der Wirklichecht-Guido. Und seine Partei zieht mit. Dirk Niebel baut auch gerade um. Nämlich sein Ministerium, und dort rein dürfen all die Parteifreunde. So wird aus der Baustelle ein vielschichtiges Kunstwerk. Ob jetzt täuschend echt oder echt enttäuschend. 

Ritter sieht es anders: "Die Illusion in der Politik ist es, dass die FDP auf einen Menschen reduziert wird: auf Westerwelle. Die Realität ist anders. Es gibt bei uns die unterschiedlichsten Strömungen und Meinungen." Darum sei es ihr Anspruch, Themen der Jungliberalen in die Medien und in die Öffentlichkeit zu bringen. Allerdings nicht zu jedem Preis. "Wir sind nicht Paris Hilton", sagt der Pressesprecher Robert Bläsing, der irgendwie auch da ist. Ritter nickt zustimmend. Nein, das sind wir wirklich nicht.

Die Verkünstlichung der Politik sei ein allgemeines Problem. Überhaupt: die Floskeln. Von denen möchten die Jungliberalen in Hamburg wegkommen. Sie verstehen sich als "Sammelbecken junger Menschen, die selbst bestimmt denken und handeln und Diskussion in freiheitlicher Form ohne jeglichen ideologischen Anstrich führen", wie Ritter es ausdrückt. Darum Guevara und jetzt bitte aber auch Diskussion. So sollte es sein in der FDP, einer demokratischen Partei. "Es muss wieder über Vorbilder gesprochen werden!", betont er. Seins ist übrigens Felix Magath. Dann bleibt er wieder vor einem Bild stehen.

Es ist das Werbebild der Ausstellung und zeigt einen jungen Knaben, der aus einem gold verzierten Rahmen steigt. Das Bild heißt: Flucht vor der Kritik. Ritter schaut es sich einen kurzen Augenblick an, bevor er die Ausstellungshalle verlässt. Vor dem Bucerius Kunstforum steht in einiger Entfernung zu der Guevara Figur auch ein frührömischer Cäsar. Sieht echt aus. Ritter nickt beeindruckt und drückt seinen Finger zustimmend in die Römerfigur. Hinter ihm betreten neue Gäste das Kunstforum. Vielleicht lassen die sich auch gleich täuschen.