Am 25. Juni 2009 starb der Rockveteran Sky Saxon an Herz- und Nierenversagen, wurde die Folksängerin Alicia Delgado in Lima ermordet, erlag der Countrysänger Allen Kemp einem Krebsleiden, erhängte sich die belgische Songwriterin Yasmine und wurde der erst 16-jährige Gitarrist Timoti Anderson-Brown bei einem Autounfall getötet. Von Sky Saxon abgesehen, der als Gründer der Sixties-Band The Seeds einen gewissen Kultstatus innehatte, waren die Verstorbenen nicht berühmt genug, um mit der knappen Ressource öffentliche Aufmerksamkeit bedacht zu werden.

Als Michael Jackson an jenem 25. Juni nach einem fatalen Medikamentencocktail ums Leben kam, wurden sämtliche Medien von einem beispiellosen Fakten- und Gerüchte-Tsunami geflutet. Wochenlang blockierten Nachrufe, Würdigungen, Spekulationen und die Berichterstattung über die Trauerfeier des bekanntesten Popstars der Welt Titelseiten und Nachrichtenkanäle.

Zugleich setzte ein unfassbarer Ansturm auf das musikalische Erbe ein. In der ersten Woche nach Jacksons Tod stiegen die Verkaufszahlen seiner Platten gegenüber der "normalen" Vorwoche um das vierzigfache, in der Folge verdreifachten sie sich nochmals. Bis zum Ende des Jahres wurden von Klassikern wie Thriller oder Bad weltweit über 30 Millionen Stück verkauft, mehr als in irgendeinem Jahr seiner schon zu Lebzeiten märchenhaften Karriere. Erstaunlicherweise waren dazu nicht mal hastig auf den Markt geworfene Best-of-Sampler nötig.

Wer darin jedoch Rücksichtnahme gegenüber dem Vermächtnis des in seiner Veröffentlichungspolitik äußerst zögerlichen Musikers vermutete, wird jetzt eines Besseren belehrt. Vergangene Woche wurden Details des Vertrags zwischen Jacksons Plattenfirma Sony und seinen Erben bekannt, der in den nächsten sieben Jahren zehn neue Alben mit einem realistischen Gewinn von 250 Millionen Dollar vorsieht. In bemerkenswerter Offenheit benannte der Anwalt von Michael Jacksons Erben die Gründe für den Mega-Deal: "Wir glauben, dass es wachsende sowie noch unerschlossene Märkte gibt für Michaels Musik".

Der Vorgang ist wenig überraschend, schließlich ist die in ihrer Tragweite erst zu erahnende Post-Mortem-Vermarktung von Michael Jackson – man kann davon ausgehen, dass von Computerspielen über Filme oder Musicals bis zu Comics und Spielfiguren alles kommen wird, was Gewinn verspricht – nur der Höhepunkt einer gängigen Praxis. Ob Buddy Holly, der erste tragisch früh verstorbene Held des Pop, Jim Morrison, Janis Joplin, Elvis Presley, John Lennon, Kurt Cobain oder die Rapper 2Pac und The Notorious B.I.G.: Wann immer einer der Großen abberufen wurde, setzte ein bisweilen über Jahrzehnte anhaltender Marketingmechanismus ein, dessen zynischer Kern sich mit Death sells treffend umschreiben lässt. Der Tod verkauft sich bestens.

In den aktuellen deutschen Albumcharts etwa ist Michael Jackson keineswegs der einzige Wiedergänger aus dem Reich der Toten. Seit 15 Wochen belegt der 1998 verstorbene Falco einen Platz in den Top 50 mit The Spirit Never Dies einer Sammlung von zuvor unbekannten und vom Künstler nie zur Veröffentlichung vorgesehenen Liedern. Sie waren nach einem Wasserschaden im Archiv seiner ehemaligen Produzenten entdeckt worden.