Frage: Herr Schneider, das Ich-Sagen ist in Ihrem Werk etwas sehr Politisches, vor allem in Ihrem autobiografischen 68er-Buch Rebellion und Wahn. Woher rührt dieser Gestus: Ich bin Zeitgeschichte?

Peter Schneider: In einer meiner frühen Rezensionen, da war ich kaum älter als 20, entschied ich mich für das Ich – weil ich fand, Rezensionen sind subjektiv. Im Literaturbetrieb war das aber verboten. In der Studentenbewegung entstand dann das programmatische Wir, darin ging ich fast unter, wie viele andere auch. Ein Wir schreibt ja nicht, schreiben kann nur ein Ich. Erst in Lenz, meinem ersten Roman, wagte sich das Ich wieder hervor. Es war eine Befreiung vom Denken im Verein – was ja wohl immer noch eine Lieblingstätigkeit der Deutschen ist.

Frage: Hat Ihr fast manisches Tagebuchschreiben damals Sie vor diesem Verein bewahrt?

Schneider: Als ich in die politische Arbeit eintauchte, war für mich an literarisches Schreiben nicht mehr zu denken. Man vergisst heute, wie misstrauisch die neue Linke gegenüber der Kultur war. Das Tagebuch hielt mich bei mir. Leider habe ich darin Politisches kaum festgehalten; umso mehr dafür Liebeskummer, Gefühle des Versagens und des Zorns. Über Triumphe schreibt man eher selten – dabei ist es doch das Schönste, wenn jemand Glück beschreiben kann. Das können nur wenige, Goethe in seinen Gedichten, Brecht in seinen Buckower Elegien.

Frage: Akteur sein und gleichzeitig Beobachter, das ist auch nicht einfach.

Schneider: Man muss das trennen: Wer schreibt, muss alles infrage stellen, auch seine politischen Leidenschaften. Der Versuch, den Leser zu dirigieren, ihn auf eine Lösung einzuschwören, ergibt in aller Regel schlechte Literatur. Das sollte einen Schriftsteller aber nicht daran hindern, nach seiner Arbeit Flugblätter zu verfassen, in zugigen Wahllokalen feurige Reden zu halten und die Politiker herauszufordern. Schriftsteller sind Bürger genau wie Taxifahrer, Lehrer oder Wissenschaftler. Sie dürfen und sollen ihre Meinung kundtun. Man sollte nur nicht denken, dass sie kompetenter sind als andere Bürger.

Frage: Der engagierte Schriftsteller ist aber ein Auslaufmodell in Deutschland.

Schneider:  Die Autorität der Intellektuellen hat nach dem Mauerfall sehr gelitten. Mit Recht, denn wenn die Deutschen auf ihre Intellektuellen in Ost wie West gehört hätten, hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben. Auch ich war in diesem Punkt lange Zeit vernagelt. Zwar kann ich mich rühmen, den Fall der Mauer vorausgesagt zu haben, und zwar im Sommer 1989 in der New York Times. Aber das gute Stück endete mit einem naseweisen Schlusssatz: dass es die neue Freiheit nur geben könne, wenn die Deutschen sich von der Idee der Wiedervereinigung verabschiedeten. Ja, gerade Propheten irren sich.

Frage: Irrtümer, haben Sie einmal geschrieben, gehören zum Besten, was Intellektuelle zum Fortschritt beizutragen haben. Das Erschrecken über sich selbst, warum ist das wichtig?

Schneider: Man muss sich seiner Irrtümer nicht schämen, aber man sollte sich für sie interessieren. Wer seine Irrtümer nicht zugibt, geht ja von der verrückten Vorstellung aus, dass es möglich sei, ein ganzes Leben lang recht zu haben. Wir können uns der Wahrheit nur nähern, indem wir uns irren. Deswegen verstehe ich bis heute nicht, warum Politiker wie Intellektuelle immer aus der Haut fahren, wenn man sie auf einen eklatanten Irrtum hinweist. Wer seine Irrtümer vertuscht, begibt sich außerhalb eines Menschenrechts und einer Menschenpflicht: sich selber und den eigenen Blick auf die Welt zu ändern. Allerdings will ich nicht verschweigen, dass es Irrtümer gibt, die unverzeihlich sind.