Wenn man lediglich ein Gebäude auswählen dürfte, um einen verzweifelnden Bürger dieses Landes von den immer noch zahlreich vorhandenen Tugenden und vielfältigen Zukunftsaussichten Großbritanniens zu überzeugen, müsste es die Tate Modern sein. Dieses Gebäude hat im Bewusstsein des Landes einen Platz eingenommen, dessen Bedeutung weit über seine Größe und seine konventionelle und mittelmäßige Kunstsammlung hinausreicht. Das Gebäude ist zu einem Aushängeschild dessen geworden, was Großbritannien sein sollte. So wie die Parlamentsgebäude oder der Buckingham Palast einst unseren Vorfahren jene Werte widerspiegelten, von denen sie hofften, dass ihre Nation sie verkörpere, so wirft uns die Tate heute eine idealisierte Vision Großbritanniens zurück. Bei der Tate Modern geht es gar nicht unbedingt ums Mögen, sondern mehr um den Wunsch, ihr zu gleichen: ihrer entspannten Ernsthaftigkeit, ihrer natürlichen Coolness, ihrer Klassenlosigkeit und Intelligenz und ihrem Sinn für das Spielerische. Es ist ein Gebäude, das uns einlädt, uns nach seinem Bild zu formen, es ist das verlockendste Vorbild, das wir besitzen.

Allzu lange bot unsere Architektur uns keine praktische Anleitung dafür, wie wir auf diesen Inseln leben sollten. Die wichtigen Gebäude, also die bedeutenden und verehrten, hatten eine sehr aristokratische oder kirchliche Ausstrahlung und suggerierten uns, einzig die Vergangenheit sei von Wert, dass wir die Kleidung des Vorjahres tragen sollten, dass die Church of England die alleinige religiöse Autorität sei, dass die Technologie böse und die Zukunft Furcht einflößend seien. Blickten wir auf moderne Gebäude, waren diese entweder hässliche Nachkriegsklötze oder ausschließlich kommerziell wie die Hochhäuser an der Canary Wharf, oder sie waren von einer unpassendem Lustigkeit wie die grell-bunten postmodernen Kästen aus den 1980ern. Doch dann wurde vor genau zehn Jahren die Tate Modern eingeweiht. Sir Giles Gilbert Scotts ursprüngliches, an der Bankside gelegenes Elektrizitätswerk wurde von dem Schweizer Architektenduo Herzog und de Meuron neu erdacht, das Ergebnis war ein Gebäude, das erfolgreich Gegensätzliches wie Tradition und Moderne, Elitismus und Demokratie sowie Technologie und Natur vereinbart. Als Ganzes ist das Gelände der Tate Modern ein ebenso herbes wie schönes Versprechen eines würdevollen und anmutigen Lebens. Die Birken und die Sitzbänke an der Vorderseite stehen für einen neuen egalitären Gemeinschaftssinn, sie strahlen eine skandinavisch oder schweizerisch anmutende Würde aus. Wie "Jedermann" zu sein scheint auf dem Grundstück der Tate Modern nicht länger beschämend zu sein – dies ist ein Platz, an dem der Sozialhilfeempfänger und der Prinz sich einen Sandwich teilen und in einer gemeinsamen Auffassung von Britishness schwelgen können.

Alain de Botton ist Philosoph und Schriftsteller und lebt seit Jahren in London. Unter anderen verfasste er das Buch "Glück und Architektur". © Getty Images

Das Budget beim Bau der Tate Modern war extrem knapp, aber das Genie der beiden Schweizer Architekten ließ diese Beschränkung zu einem Vorteil werden. Die Formensprache ist einfach, ohne je ärmlich zu erscheinen. Die unbehandelten Eichenböden sind unregelmäßig mit Nägeln befestigt, die provisorischen Röhrenlampen und Abschnitte mit Industriebeton-Oberflächen verströmen eine anspruchs- und schmucklose Würde, wie man sie in ländlichen Kapellen oder mittelalterlichen Scheunen finden kann. Das Museum entwirft eine neue Vision des Vereinigten Königreiches als ein Land, das mit der Technologie versöhnt ist, das nicht länger an seine Vergangenheit gekettet ist, das demokratisch, tolerant, intelligent und verspielt ist, ganz ohne Gehässigkeit oder Ironie.

Natürlich stimmt dies nicht immer mit der Wirklichkeit überein: Einige Kilometer weiter nach Osten und Süden findet man Anlagen mit teuren Eigentumswohnungen neben heruntergekommenen Anwesen, was direkt im Widerspruch steht zu den aus den Wänden und Decken der Tate strahlenden Idealen. Dennoch setzt das Museum, ähnlich dem Parlament von Geoffrey Bawa in Colombo oder Jørn Utzons Opernhaus in Sydney, das Vorrecht jeder ambitionierten Architektur um: nämlich Identität zu erschaffen, anstatt sie nur widerzuspiegeln und jene geschätzte Stunde, die sich der Durchschnittsbesucher in ihrem Einflussbereich befindet – eigentlich nur, um Barbara Hepworths Werke zu bestaunen und ein paar Postkarten zu erwerben– dazu zu nutzen, Vorschläge zu machen über die Richtung, in die sich das Land entwickeln könnte und dadurch das zu definieren, was das Vereinigte Königreich eines Tages sein könnte und nicht das, was es allzuoft tatsächlich ist.

Alle Design- und Architekturkunstwerke, vom Parlamentsgebäude über die Gabel bis zur Tasse, sprechen zu uns über die Art von Leben, welches sich – ihnen entsprechend – in ihnen und um sie herum entfalten könnte. Sie erzählen uns von speziellen Stimmungen, die sie in ihren Besitzern zu fördern und zu unterstützen suchen. Während sie uns warm halten und uns auf praktische Art und Weise helfen, laden sie uns gleichzeitig dazu ein, eine bestimmte Sorte Mensch zu werden. Sie sprechen von speziellen Visionen des Glücks. Somit deutet die Beschreibung der Tate Modern als "schön" auch auf mehr als eine simple ästhetische Vorliebe hin, vielmehr erkennt man daran eine Anziehung durch die Lebensweise, die dieser Baukörper durch Dach, Türklinken, Fensterrahmen, Treppenaufgang und Ausstattung vermittelt. Ein Gefühl von Schönheit ist ein Zeichen dafür, dass wir einer greifbaren Manifestation mancher unserer Vorstellungen von einem guten Leben begegnet sind.

Die Tatsache, dass Großbritannien anhaltende soziale Probleme hat, von ausgebrannten Autos zu einer degenerierten Presse und einem brüchigen politischen System, sollte uns nicht davon abhalten, Gebäude zu errichten, die uns alternative Entwürfe liefern können. Unsere Probleme unterstreichen lediglich die Notwendigkeit idealisierter Gebäude wie der Tate, die als Bollwerk gegen all das, was in unserem Land korrupt und einfallslos ist, bestehen können. Hinter einer praktischen Fassade sollte die moderne Architektur versuchen, ihrem Publikum ein selektives Bild dessen, was sie sein könnten, zurückzuwerfen in der Hoffnung, das Vorhandene zu verbessern und zu formen.

Der Zweck eines Gebäudes wie der Tate ist es, Gemütszustände hervorzurufen, die wir eigentlich befürworten, aber im Alltag allzuoft vergessen; Tugenden wie Übersicht, Gelassenheit, Reflexion, Güte und Mut. Man nimmt beim Verlassen das Gefühl mit, dass man, wenn auch nur zeitweise, den Qualitäten wieder nahe kam, die unsere Menschlichkeit ausmachen.

Wir sind im Innersten immer noch ein protestantisches Land, eines, das etwas zurückhaltend ist, wenn es darum geht, viel Geld für Gebäude auszugeben, so wie Katholiken es gerne tun. Wir erlauben uns den Bau von Museen, um Gemälde zu beherbergen, aber stellen uns womöglich noch nicht ganz einer tiefer liegenden Sehnsucht: der, Gebäude um ihrer selbst willen zu errichten, einfach um den bloßen Kitzel dessen zu spüren, was Architektur in unseren Seelen bewirken kann, wenn sie richtig funktioniert. Es ist ein schmutziges Geheimnis, dass die Kunst in der Tate Modern vollkommen zweitrangig ist. Eigentlich ist dieser Ort ein Tempel seiner selbst, eine Zelebrierung von Architektur und nicht, wie offiziell ausgewiesen, von Kunst.

In den säkulären Weltgegenden beklagen häufig selbst Nichtgläubige (vielleicht besonders diese) das Verschwinden der großen Zeiten religiöser Bautätigkeit. Außerdem geben viele derjenigen, die keinerlei Interesse an religiösen Glaubenssätzen haben, zu, dass sie eine Nostalgie für kirchliche Architektur hegen: Für die Textur von Steinwänden in einfachen Kapellen, für die Silhouetten von Türmen über den Feldern in der Dämmerung, und für den schieren Willen, der hinter der Erbauung von Kathedralen steckt. Aber diese Momente der Nostalgie pflegen immer abgeschnitten zu werden durch die bedrückte Schlussfolgerung, das Verschwinden des Glaubens bedeute notwendigerweise, dass keine geistlichen Bauten mehr entstehen könnten.