Als die R'n'B-Sängerin Rihanna vor einem Jahr von ihrem Freund Chris Brown auf dem Rückweg von einer Party brutal zusammengeschlagen wurde, muss ihr Management diesen Angriff – bei allem Mitgefühl – wie ein Geschenk des Himmels empfunden haben. Drei Alben hatte Rihanna bis dato eingespielt, nachdem sie als 16-Jährige in ihrer Heimat Barbados von Talent-Scouts des Hip-Hop-Großmoguls Jay-Z entdeckt worden war, drei sehr erfolgreiche dazu.

Doch es fehlte ein Image. Rihanna war das Popsternchen ohne Eigenschaften, ein hübscher, talentierter Beyoncé-Klon von Jay-Zs Gnaden. Da half es auch nicht, dass ihr drittes Album Good Girl Gone Bad betitelt wurde und ansatzweise das typische Adoleszenz-Drama eines noch minderjährigen Stars erzählte: Unterm Strich stand ihr größter Hit, Umbrella, und die Frage, wen sie denn wohl mit unter ihren Regenschirm lassen würde. Dann aber kam Chris Brown. Und es folgte mit Rated R ein Album, auf dem sich die inzwischen 22-jährige Rihanna mit ihrem schlägernden Ex-Freund auseinandersetzte, als geschundene, angriffslustige, nach Rache dürstende Powerfrau in Latex- und Leder-Outfit, die weiß: "I may be dumb, but I’m not stupid in love."

Das Leben hatte Rihanna erstmals schwere Wunden geschlagen, sie hatte eine Geschichte bekommen. Genau diese Geschichte versuchen sie und ihre Choreografen nun auf der Rated R-Tour durch Europa zu erzählen: Als Mädchen, auf dessen schwarzem Kleid zahlreiche LED-Lämpchen rubinrot leuchten, kommt sie auf die Bühne der mit 6000 Menschen gerade mal halb gefüllten Berliner O2-Arena und singt Russian Roulette. Nach diesem Stück ist nichts mehr wie zuvor. Ein Herz auf der Leinwand hinter ihr wird zerquetscht, und Rihanna verschwindet noch einmal kurz, um als Last girl on earth zurückzukehren, als Amazone in einem rosafarbenen Glitzerbody, mit einem Gewehr in der Hand und ein paar tanzenden Kämpfern zur Seite. Auf einmal leuchtet hier ein rosaroter Panzer vor der Bühne, steht dort ein ausgebeulter Jeep. Die Tänzer tragen schwarze Helme und rosa leuchtende Maschinenpistolen, und Rihanna setzt sich entweder hinter das Rohr des Panzers oder versammelt sich mit ihren Tänzern um den Jeep und ballert in der Luft herum.

All das schaut man sich gern an. All das erinnert an Tina Turner in Mad Max, zur Not auch an die Superhexen aus Russ-Meyer-Filmen. Und doch fragt man sich: Was soll das Ganze? Denn im folgenden wartet Rihanna mit mehreren Kostümwechseln auf, die man sich ebenso gern gefallen lässt, die aber den Erzählfaden des Last girl on earth und vor allem auch den des vom Leben gezeichneten, von nun an komplett selbstbestimmten R'n'B-Stars immer mehr verlieren. Rihanna singt zwar in schwarzem Latex-Domina-Outfit ihr Rockstar 101 und posiert dazu mit einer Gitarre, ohne diese zu spielen (die Leinwände rechts und links der Bühne zeigen da lieber den Lead-Gitarristen ihrer Band). Doch dann sitzt sie plötzlich vor dem rosa Panzer und ihr Lead-Gitarrist stimmt die ersten Akkorde von Oasis’ Hymne Wonderwall auf einer akustischen Gitarre an.