Spät in der Nacht haben sie ihn damals auf die Bühne geschickt, 1970, beim chaotischen Festival auf der Isle of Wight. Eine halbe Million Menschen soll auf und beim Gelände gewesen sein, Zäune wurden eingedrückt, Künstler steckten fest, an einen halbwegs geordneten Ablauf war nicht zu denken. Es war ein großes Wunder, dass es keine Toten gab, und ein kleines, wie der damals 35-jährige, noch nicht so berühmte Sänger die Gitarre nahm und die Wogen glättete. Die erschöpfte, erzürnte Masse ließ sich von der golden voice des Kanadiers besänftigten – aber wie sarkastisch, aggressiv und rau klingt heute der Leonard Cohen der Frühzeit!

Eine CD mit dem Isle-of-Wight-Auftritt ist letztes Jahr erschienen, darauf Suzanne, Bird on the Wire und Famous Blue Raincoat. Im September kommt ein neues Livealbum, Songs from the Road, aufgenommen während der Comeback-Tour 2008 und 2009. Es geschehen neue Wunder. Leonard Cohen, bald 76, singt im Alter weich und weise, seine Phrasierung ist phänomenal, der narzisstische Schmerz einer kosmischen Gelassenheit und Heiterkeit gewichen.

Wie anders soll man seinen Auftritt in der nicht ganz ausverkauften Berliner Waldbühne beschreiben? Er gibt sich dem Publikum. Es ist das dritte Cohen-Konzert in Berlin in zwei Jahren, und wer diese dreieinhalb (!) magischen Stunden erleben durfte, wird noch lange davon sprechen. Und wiederkommen, wenn er einmal wiederkommt. Und was heißt Alter? Diese Spannkraft, diese Konzentration, diese Musikalität!

Jahrzehntelang hat der Poet – nachzulesen in der Cohen-Biografie von Ira B. Nadel – um seinen Sound gerungen, er empfand sich selbst als unsicherer Kantonist. Nun hat er eine Band aus alten Wegbegleitern und neuen Instrumentalisten um sich, die seine Songs auf Virtuosenhänden tragen. Javier Mas spielt auf der zwölfsaitigen Gitarre und der Mandoline Intros und Soli, als erhöbe sich ein Schwarm Paradiesvögel über der Waldbühne. Dino Soldo bläst mit zarter Leidenschaft die Regenwolken weg, und die "sublime Webb Sisters", wie Cohen seine beiden blonden Engel aus England mit einer Verbeugung vorstellt, hauchen ihr hypnotisches Schubiduh in Cohens bevorzugten Dreivierteltakt, das einen noch im Schlaf nicht loslässt.

Leonard Cohen hat für jeden seiner Musiker eine anrührende Begrüßung, er gibt ihnen mehr und mehr Raum. Wie da Spielfreude und Routine zusammengehen, ist eine Kostbarkeit, das Verdienst von Cohens musical director Roscoe Beck am Bass. Und wenn Sharon Robinson, die mit Cohen etliche Songs geschrieben und arrangiert hat, Boogie Street singt, steht er beim Schlagzeug und ist ihr Back-up-Sänger.

Ihn zu beobachten, öffnet das Herz. Er rennt auf die Bühne, er kniet vor jedem Song, lauscht in sich hinein, er zieht den Hut vor seinen Fans und den höheren Mächten dieser Welt, wer immer sie sein mögen, und er hüpft nachher lächelnd davon wie ein junger Dachs. Seine Professionalität hat etwas wundervoll Integres. Bei Cohen muss man sich vor Wiederholung nicht fürchten, im Gegenteil. Suzanne macht die Last und Lust der Jahre leicht, und wie er die zweite Strophe singt, von Jesus, dem ertrinkenden Seemann, gleiten die Verse über das Wasser, und allein wie er das Wort stone moduliert, klingt es wie nie zuvor gehört. So tief, so menschlich sinkt dieser Messias in die Seelen ein. Beim Hallelujah traut sich die Waldbühne noch nicht, aber bei So long, Marianne singt sie aus vollen Kehlen mit. "First we take Manhattan (then we take Berlin)" wird rhythmisch mitgeklatscht. Der Name Berlin taucht auch noch einmal in The Future auf; "Give me back the Berlin Wall …". Über Berlin sagt Cohen, die einst so kriegslüsterne Stadt sei heute einer der friedlichsten Orte auf der Welt.