Das Mädchen konnte kaum glauben, was da aus der Erde kam. Auf einem kleinen Feld im Botanischen Garten von Brooklyn, New York, hatte es vor Monaten in der Erde gewühlt und Körner gestreut. Über den Sommer hatte es zugeschaut, wie aus dem Boden kleine Gräser wuchsen, und als sein Betreuer es aufforderte, die Gräser zu ziehen, brachte es das Kind kaum über sich. Doch dann: eine Karotte – unfassbar! Das Mädchen, erzählt der Botaniker Patrick Cullina, hätte sein ganzes Leben in Brooklyn verbracht und immer geglaubt, Karotten kämen aus dem Supermarkt. Sie sei wohl ein klassischer Fall von NDD.

NDD, Nature-Deficit-Disorder: Naturmangelstörung, nennen es die Amerikaner, wenn Großstadtkinder den Bezug zur Natur verlieren. Also werden Natur-Reintegrations-Programme angestoßen, wie jenes im Botanischen Garten von Brooklyn. "Um die Natur zurück in die Stadt holen."

In den vergangenen Jahren sind ökologische Konzepte wie "Vertical Farming" oder "Urban Gardening" in Mode gekommen und werden durch Bürgerinitiativen vorangetrieben. Sie alle versuchen, der Großstadt ein wenig Dschungel zurückzugeben und dem Menschen das Gefühl für die Natur. Als Vorreiter dieser wortwörtlichen Graswurzel-Bewegung gilt ein Bauprojekt, das sich von einer kleinen Protestaktion zum 200-Millionen-Dollar-Park mauserte: der High-Line-Park in New York.

Inszenierte Wildnis über Betondschungel: der High Line Park in New York

Die stillgelegte Hochbahntrasse, die zu einem Park auf Stelzen umgemodelt wurde, kombiniert Großstadtästhetik mit Ökologie und setzt auf eine Pflanzenvielfalt, die auch im Betondschungel überleben kann. "Wir haben einen ökologischen Erholungsraum geschaffen, der sich in der Stadt entfalten kann" sagt Patrick Cullina, der auch an diesem Projekt beteiligt ist. Zurzeit reist er im Namen des Vereins Friends of the High Line durch die Welt, um seine Erfahrungen zu teilen und um "eine Neudefinition von Landschaft und Urbanität" anzuregen. Denn dies, so ist Cullina überzeugt, brauche es für eine lebenswerte Stadt der Zukunft. Nach Prognosen der UN sollen 2030 zwei Drittel aller Menschen auf der Erde in Städten leben. Vier von fünf Europäern tun das jetzt schon. Die Stadt ist die Wohnform der Zukunft. Gerade deshalb wird die Frage immer wichtiger: Wo ist da Platz für die Natur?

Die Stadtparks Europas geben in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild ab. Es mangelt an Konzepten, an Pflege, an Geld. Zu viele Regulationen, monieren Stadtplaner. Zu willkürlich, meckern Stadtbewohner. In Bremen etwa soll mitten in die grüne Lunge der Stadt ein fünf Hektar großes "Cityresort" geklotzt werden. Die privaten Investoren versprechen sich davon mehr Touristen. Was leidet, ist die Lebensqualität der Anwohner.