Stuttgart 21 wird gestritten. Gerne würden die Freunde des Milliarden-Bahnprojekts die Bücherei als Argument für den Umbau des Stadtquartiers nutzen, doch der Entwurf des Gebäudes macht es ihnen nicht leicht. Zu klobig und abweisend stehe der Monolith auf der ehemaligen Bahnbrache, sagen die Kritiker. Auch die Stadt räumt ein: Da muss man noch was machen. Ein Make-up für die Fassade ist geplant.

Ruhepol oder Bücherknast? Auch über die neue Stadtbibliothek auf dem Gelände von

Es habe "eine ganze Welle" des Protestes und der Enttäuschung gegeben, sagt Ingrid Bussmann, die Direktorin der Stadtbücherei. "Das hätte ich so sehr nicht erwartet." Vieles hängt aus ihrer Sicht aber auch damit zusammen, dass der Rohbau noch ganz allein auf dem weiten Gelände steht. Außerdem sei die Fassade "noch nicht abnahmefähig", beschwichtigt die Stadt.

Schon bei der Jury-Entscheidung für den Entwurf des Kölner Architekten Eun Young Yi sei klar gewesen, dass da ein "Haus mit Charakter" entstehe, an dem man sich reiben werde, sagt Bussmann. "Vieles erschließt sich, wenn man später in ihm auf Entdeckungsreise geht."

Trotzdem soll nachgebessert werden. Denn dass die Vorfreude getrübt ist, bestreitet niemand mehr. "Himmelangst" werde ihr, sagte etwa die durch TV-Auftritte inzwischen bundesweit bekannte Stuttgart-21-Gegnerin Christine Oberpaur, wenn sie das Gebäude sehe und nun befürchten müsse, das ganze neue Stadtquartier am Hauptbahnhof könne einmal so aussehen.

Böse Zungen sprechen längst vom Plattenbau, noch bösere vergleichen das Gebäude mit dem Hochsicherheitsgefängnis im Stuttgarter Stadtteil Stammheim, in dem in den siebziger Jahren RAF-Mitglieder inhaftiert waren. Der farblose Bibliothekswürfel soll nun heller und freundlicher werden. An einzelnen Flächen soll ausprobiert werden, wie der Sichtbeton schöner gestaltet werden kann.

Der Architekt, Professor Eun Young Yi, ist darüber nicht glücklich – schließlich habe er den Wettbewerb doch gerade deswegen gewonnen, "weil die Bibliothek durch ihre klare Form und die ungewöhnliche Materialgebung aus Sichtbeton und Glasbaustein selbstbewusst zutage tritt und dadurch einen Ruhepol in dem heterogenen Stadtviertel bildet", sagt er. "Die massive und matte Gebäudehaut ist eine gewollte Inszenierung, so entstehen die von der Außenwelt abgeschirmten und introvertierten Bibliotheksräume."

Rund 79 Millionen Euro wird die neue Bibliothek kosten. Pro Jahr wird mit mehr als einer Million Besuchern gerechnet. Die Eröffnung ist für Herbst 2011 geplant. Dann spätestens werde das Haus mit seinen inneren Werten überzeugen, sagt die Direktorin der Stadtbücherei,  Ingrid Bussmann. Mit der Kritik geht der Architekt bis dahin gelassen um. Heute seien die Menschen eben eher an leichte und transparente Architektur und an eine unruhige Formenvielfalt gewöhnt, sagt Eun Young Yi. "Massivität und Einfachheit sind heutzutage häufig zu Unrecht von einem negativen Image besetzt."