Gier ist gut, Gier ist ein Motor, Gier ist das Wesen der Evolution: Eigentlich war Gordon Gekkos berühmte Gier-Rede im ersten Wall Street -Film als Fundamentalkritik am Kapitalismus gedacht, als Zerrbild von der Geldgeilheit der Moderne. Aber Kino funktioniert oft anders als geplant. Die Karikatur wurde ernst genommen, die Parodie (einer echten Rede des später wegen Insidergeschäften verurteilten Spekulanten Ivan Boesky) zur Prophetie.

Noch vor dem Filmstart kam es im Oktober 1987 tatsächlich zum Aktiencrash; angehende amerikanische Betriebswirtschaftler studierten Gekkos Worte, und so manches Mal klopften junge Börsianer Regisseur Oliver Stone dankbar auf die Schulter, wenn sie ihn im Restaurant am Nebentisch entdeckten. Wegen der Rede seien sie ins Finanzgeschäft gegangen, Michael Douglas sei ihr großes Vorbild.

1987 war die Gier gut, jetzt ist sie legal. Damals waren es einzelne bad guys, heute ist die Sache systemisch. Wieder hält Gordon Gekko alias Michael Douglas eine Rede, sie ist nicht ganz so brillant, sie sagt den Crash von 2008 voraus, geißelt Hedgefonds und Derivate als Massenvernichtungswaffen, es klingt schrecklich richtig und wohlfeil, aber egal. Hauptsache, Gekko ist wieder da. Er trägt zwar keine breiten Macho-Hosenträger mehr und das Haar ist ergraut, aber sonst ist er ganz der Alte, trotz acht Jahren Knast. Das schmierige, erfolgsgegerbte Lächeln, seine perfide Spielernatur, die Kälte, die spöttische Arroganz, der Degout gegenüber jedweder Gewöhnlichkeit, der sich in seinen heruntergezogenen Mundwinkeln manifestiert – Gekko geriert sich so fies und unwiderstehlich wie in Wall Street 1 . Nur dass er sich vervollkommnet hat und weniger als Protz auftritt denn als cooler, legerer Hund.

Vor 23 Jahren verkörperte Michael Douglas die Dekade der New-Economy-Karrieretypen und Börsen-Raubritter, jetzt ist er der Kriegsgewinnler jenes Systems, das die Gier legalisiert hat. Einer von denen, die auch noch aus dem Crash Profit schlagen. Es macht Spaß, Douglas dabei zuzusehen, der Star ist in Bestform. Umso schmerzlicher zu wissen, dass der 66-Jährige gegen einen lebensbedrohlichen Krebstumor kämpfen muss.

Gekko, der geniale Broker, der alle austrickste, bis er wegen Insiderhandels ins Gefängnis musste, hat jetzt eigentlich nur ein Problem. Bei der Entlassung überreicht ihm der Wärter sein altes Mobiltelefon – einen Riesenknochen – und den goldenen Geldclip, ohne Scheine: Gekko braucht dringend Dollars. Der Rapper wird mit der Stretchlimo abgeholt, der Drogendealer von seiner hispanischen Großfamilie, bloß auf Gekko wartet keiner. Sein Sohn – in Wall Street 1 ein dickes, verzogenes Baby – ist an Crack gestorben, seine Tochter Winnie (Carey Mulligan) hat ihm das nie verziehen.

Aber auch sie ist eine Gekko. Ihre kapitalismuskritische Website mausert sich zum Hit, und sie ist mit einem Börsianer verlobt, mit Jake Moore (Shia LaBeouf), der in alternative Energien investiert, beim Reichwerden moralisch integer zu bleiben versucht und über den finanzkrisenbedingten Selbstmord seines Mentors schockiert ist: Der Börsenveteran Lou Zabel (Frank Langella) springt vor die U-Bahn. Bald ereilt die Krise auch Jakes Geschäfte, in Gestalt von Bretton James (Josh Brolin) und dessen Hedgefonds namens Locust Fund . Locust wie Heuschrecke, frei nach Münteferings Bonmot.

Wie setzt man den Crash ins Bild? In Wall Street 2: Money never sleeps versucht Stone es mit Zahlenkolonnen, die die Skyline von New York konturieren, mit Kamerastürzen entlang spiegelverglaster Hochhausfassaden und wie im ersten Film mit rasanten Travellingshots vorbei an hektisch telefonierenden Brokern. Dennoch regiert mehr Gelassenheit, mehr Eleganz. Panik im Parkett, die Vorstellung gehört eh in die Achtziger: Die wirklichen Geldgeschäfte finden nicht mehr in der Börse statt, da ist Stone historisch genau. Den wieder angenehm relaxten Songs von David Byrne und Brian Eno korrespondiert die opulente Ausstattung der Geldmacht, die Nervosität nicht nötig hat. Sie lehrt den jungen Jake das Staunen.