musste jüngst einräumen , dass er nicht wie zunächst behauptet den K2, den zweithöchsten Berg der Welt, erklommen hatte. Ein angebliches Beweisfoto vom Gipfel wurde von Konkurrenten als Fälschung entlarvt. Eine nicht weniger stolze, aber wesentlich glaubwürdigere Art, ihren Erfolg zu beweisen, haben sich die Österreicher Axel Naglich und Peter Ressmann einfallen lassen. Sie ließen sich bei ihrer Heldentat filmen. Das spektakuläre Ergebnis, der Dokumentarfilm Mount St. Elias , ist von Donnerstag an in deutschen Kinos zu sehen.

Bergsteiger sind keine Puristen mehr, die ihre Erfüllung unbeobachtet in der einsamen Höhe finden. Sie suchen die Bühne, den Wettbewerb, die Anerkennung. Einer der Besten

Im Jahr 2007 haben Naglich und Ressmann den vielen unbekannten St. Elias, einen der schwierigsten Berge der Welt, nicht nur bestiegen, was riskant genug wäre. Anschließend sind sie ihn auf Skiern runtergefahren. Selbst für verrückte Tiroler ein extremes Wagnis. Denn sie haben es mit dem relativ höchsten Berg der Welt zu tun. Der St. Elias ragt von der Küste Alaskas, von der Icy Bay, bis auf eine Gipfelhöhe von 5489 Metern auf. Zum Vergleich: Der Mount Everest ist relativ nur 3500 Meter hoch. Und inzwischen vom Tourismus erschlossen. Der St. Elias hingegen liegt fern der Zivilisation – so abgelegen, dass Hubschrauberflüge dorthin verboten sind, weil den Helikoptern zwangsläufig der Sprit ausginge.

Bei gutem Wetter und aus sicherer Entfernung betrachtet ist der St. Elias ein Postkartenmotiv. Bei schlechtem Wetter und aus der Nähe ist er der Mond unter den Bergen, eine menschenfeindliche Eiswüste. Er liegt am Nordpazifik an der Grenze zu Kanada. Aufgrund der Seenähe kann das Wetter binnen Minuten umschlagen. Ständig bestehen Felssturz- und Lawinengefahr.

Doch Naglich und Ressmann haben sich die längste Skiabfahrt der Welt in den Kopf gesetzt. Auf etwa dreißig Kilometern Länge neigt sie sich bis zu 55 Grad. Auf der steilen Eispiste können sich unbekannte, vielleicht tausend Meter tiefe Gletscherspalten auftun. Zwei Amerikaner, die im Jahr 2002 einen ähnlichen Versuch gestartet hatten, stürzten hier zu Tode. Naglich und Ressmann müssen die Stelle passieren, an der ihre Vorgänger ums Leben kamen.

Während der Expedition haben die beiden Bergsteiger und ihre Crew mit Temperaturunterschieden bis zu 55 Grad zu kämpfen. Am nächsten kommen sie dem Tod jedoch nicht am Hang oder in der Wand, sondern in ihrem Basislager. Bei ihrem ersten Aufstiegsversuch werden sie von einem Schneesturm mit Geschwindigkeiten von bis 120 Stundenkilometern überrascht und zum Abstieg gezwungen. Im Camp angekommen, müssen sie tagelang und unter enormem Kräfteschwund um ihr Leben schaufeln, damit sie nicht vom Schnee verschüttet werden. "Wenn's gut geht, bist' der Held. Wenn's schief geht, bist' tot", sagt Naglich hinterher über sein Experiment.

Peter Ressmann ist in diesem Frühjahr tödlich verunglückt , auf einer scheinbar harmlosen Abseilroute. Der kleinste Fehler kann am Berg fatal sein. In der Filmerei können selbst größere durchgehen. Mount St. Elias leidet unter zwei Ärgernissen: Erstens betreibt er Schleichwerbung für einschlägige Marken des Bergsports und den Mitproduzenten Red Bull, am aufdringlichsten auf dem Filmplakat. Das könnte man noch hinnehmen unter dem Hinweis, dass so aufwändige Expeditionen sich heute nur noch über massives Sponsoring finanzieren lassen. Es ist zur Regel geworden. Doch zweitens unterlegt der österreichische Regisseur Gerald Salmina seinen Film mit Kinkerlitzchen wie Hard Rock, Superzeitlupen und hektischen Schnitten in MTV-Ästhetik. Den Tod der beiden Amerikaner 2002 inszeniert er als Reenactment in der Dauerschleife.

Sportfilme wie Am Limit (übers Speedklettern), Höllentour (übers Radfahren) oder Referees At Work (über die Arbeit von Fußballschiedsrichtern) gewinnen ihre Faszination aus dem Dokumentarischen. Die Erzähler halten sich zugunsten ihrer Protagonisten und der natürlicherweise gegebenen Dramaturgie des Geschehens zurück. In Mount St. Elias drängt sich Salmina zu sehr auf, will zeigen, was er hat und kann. Am spannendsten an Mount St. Elias ist bezeichnenderweise der mitgeschnittene Funkverkehr zwischen den Alpinisten während Aufstieg und Abfahrt.

Der Film bleibt aller Übermotivation des Regisseurs zum Trotz sehenswert, auch dank der außergewöhnlichen Leistung des Kameramanns Günther Göberl. Zu Recht hat er für sein Filmen von Extremsportlern schon mehrere Auszeichnungen erhalten. Salmina hätte bloß diesen Bildern trauen müssen, dem schönen und hässlichen, dem anziehenden und todbringenden Berg. Und der unglaublichen Lakonie des waghalsigen Naglich: "Fahr'n ma runter zum Ozean!"