Keine Angst zeigen. Draufhalten. Abdrücken. Und weiter, den nächsten Widersacher aufspüren. Monster, Humanoide und Soldaten aller Waffengattungen umlegen, bis es endlich zum Showdown kommt. Menschen, die Videospiele wie Final Fantasy nicht kennen, halten sie leicht für den Untergang des Abendlandes. In der Isolation ihrer Zimmer tauchen Jugendliche ab in virtuelle Welten, kämpfen sich bis zu 80 Stunden lang mit ihren Figuren durch martialische Märchenstorys. 80 Millionen Einheiten sind allein von der Final-Fantasy -Serie verkauft worden.

Ein Riesengeschäftsfeld. Das jetzt auch immer mehr deutsche Konzertveranstalter für sich entdecken. In Japan gibt es seit den Neunzigern Abende, bei denen die Soundtracks der beliebtesten Spielkonsolen-Games von realen Musikern nachgespielt werden. In Deutschland war Leipzig ab 2003 der Vorreiter, seit drei Jahren realisiert der Promotor Thomas Böcker seine Events in Köln, zusammen mit dem WDR -Rundfunkorchester.

Das ist weniger absurd, als es sich anhört. Denn mit dem fiesen Synthesizer-Gefiepe, das den Älteren von steinzeitlichen Telespielen wie Pacman in den Ohren klingt, haben die Videowelten des Jahres 2010 nichts mehr gemein. Längst sind die Musikspuren genauso komplex wie die Spiele selber. Die Begleitmusik zu den interaktiven Abenteuern wird von Spezialisten komponiert und aufwendig produziert. Viele, vielen Jugendlichen ist sie der Soundtrack ihres Lebens.

Darum klingelt es Kulturmanager Winfried Fechner gleich doppelt in den Ohren, wenn er an die bisherigen Kölner Spielemusik-Konzerte denkt: Alle Veranstaltungen waren in Windeseile ausverkauft. Und dann saß da genau jene Zielgruppe im Saal, nach der sich Orchesterintendanten verzehren: "Fast nur junge Leute zwischen 16 und vielleicht 35 – und die besten Zuhörer, die ich bisher erlebt habe", schwärmt Fechner. Erst atemlos lauschend, denn frenetisch jubelnd.

Kein Wunder, dass das WDR -Rundfunkorchester inzwischen Musik aus Videospielen auch in traditionell gestrickte Programme einbaut. Die speziellen Spielemusik-Konzerte will man in Köln künftig sogar zweimal pro Saison stemmen, obwohl sie wahnsinnig aufwendig sind. Weil hier Arrangeuren aus dem Melodiefundus der Begleitmusiken zu Final Fantasy und Co. jeweils bis zu 18 Minuten lange, luxuriös üppig orchestrierte sinfonische Dichtungen im Stile von Richard Strauss machen, die das Konzentrationsvermögen der Jugendlichen durchaus herausfordern. Zumal die Musik ganz pur gespielt wird, ohne Lasershow oder Ausschnitte der Spiele auf Leinwand. Um so faszinierender ist der Erfolg.

Die Plattenfirma Universal, die immer ganz vorne dabei ist, wenn es darum geht, adlergleich in Klassikmarkt-Lücken zu stoßen, hat aus dem Material der Radio-Übertragung des Kölner Symphonic-Fantasies -Konzerts von 2009 jetzt eine CD gemacht. Mit den Ohren eines Videospiel-Laien gehört, klingen die Stücke wie Soundtracks zu Hollywood-Blockbustern. Mit dieser Art von Musik, die aus traditionellen Tonsatzregeln und Pop-Elementen gemixt wird, füllt Klassik Radio inzwischen einen Großteil seiner Sendezeit. Was hier als New Classics verkauft wird, ist zweifellos zeitgenössische Musik, aber nicht im Sinn von "modern", sondern von "modisch". Mal bombastisch, mal sentimental, auf jeden Fall immer melodiengebunden und sehr gefühlig. Im Fall von Symphonic Fantasies aber auch ebenso kunstfertig gemacht wie aufgeführt.

In einem Punkt aber sind sich Playstation-Junkies und Klassik-Abonnenten ganz nahe: in ihrer Erwartungshaltung. "Immer wieder tauchen in den Mails, die ich bekomme, die Worte 'Gänsehaut', 'weinen' und 'Kindheit' auf", berichtet der WDR -Orchestermanager Fechner. Es geht den Besuchern also auch hier ums Wiedererkennen, ums emotionale Andocken an schöne Erinnerungen.