Wenn man im Dresdner Stadtteil Loschwitz nahe dem Schillerplatz die Standseilbahn besteigt, fährt man nicht einfach nur den Elbhang hoch in das beschaulich schöne Villenviertel Weißer Hirsch. Nein, man betritt am Ende der Fahrt einen Stadtteil, der durch Uwe Tellkamps Roman Der Turm zum literarischen Ort geworden ist; ein Ort, an dem sich Realität und Fiktion vermengen – und der eine literaturtouristische Attraktion wurde.

Hier findet sich am Rißweg in einem düster-grauverputzten, an die DDR gemahnenden Haus die Bäckerei Walther, die von Tellkamps Romanfiguren aufgesucht wird. Auf den Brötchentüten der Bäckerei prangt ein Gedicht von Tellkamp. Hier stehen in der Oskar-Pletsch-Straße das durch den Turm bekannte Haus Abendstern (Nr. 10) und das Haus Karavelle (Nr. 11), letzteres das Elternhaus des Autors. Hierhin führt der Dresdner Stadtführer Albrecht Hoch inzwischen nahezu täglich Literaturbegeisterte – und weiß dabei Turm -Passagen fließend zu rezitieren.

Zudem kann man seit dem Sommer 2009 auch dem Autor höchstpersönlich in den kleinen, verwinkelten Straßen des Weißen Hirsch zufällig begegnen. Uwe Tellkamp wohnt wieder in der Stadt, in der er 1968 geboren wurde, in dem Viertel, in das er als Neunjähriger mit seinen Eltern und seinem Bruder gezogen ist – und er wohnt in einem der Häuser, die in seinem Roman als "Tausendaugenhaus" firmieren.

"Man kehrt nie zurück, das geht gar nicht", sagt Tellkamp an diesem grauen Herbsttag bei einem Essen in der "Villa Marie". Dieses Haus beherbergt ein italienisches Restaurant und liegt zu Füßen des "Blauen Wunders", einer Elbbrücke, die Loschwitz mit dem Stadtteil Blasewitz verbindet. Es seien pragmatische Gründe gewesen, nach Stationen in München, Karlsruhe und Freiburg nach Dresden zurückzuziehen, so der Schriftsteller. Seine Frau kommt ebenfalls aus Dresden, ihre Familien wohnen in der Stadt. Nach der Geburt des zweiten Kindes bot sich der Umzug an: der besseren Kinderbetreuung, der zweckmäßigeren Verbindung von Arbeit und Familie wegen.

Tellkamp gibt jedoch zu, mit diesem Schritt gezögert zu haben. Die Beziehung zu seiner Heimatstadt ist ambivalent. Nicht nur, weil er weiß, dass "die Straßen der Kindheit wiederzusehen heißt, das Exil ohne Wiederkehr anzuerkennen, den Abschied, der uns für immer aus den endlos scheinenden Sommern der Abenteuer entfernt", wie es in einem seiner Bücher heißt. Sondern auch, weil ihm von einigen Dresdnern seit der Turm -Veröffentlichung 2008 vorgeworfen wird, undankbar und ungebührend mit seiner Heimatstadt umzugehen, vor allem mit ihrem Leiden an der "süßen Krankheit gestern", wie eine seiner vielzitierten Formulierungen lautet. Und auch, weil er die Gefahr sieht, dass der Schriftsteller Uwe Tellkamp zunehmend als Dresdens Stadtschreiber wahrgenommen wird. Häufig bekommt er etwa Material von Mitbürgern zugespielt mit den Worten: "Das müssen Sie aufschreiben!"

Sein neues Buch dürfte solche Ansinnen noch verstärken. Es ist ein persönlich gehaltenes Erinnerungs- und Dresden-Erkundungsbuch: Die Schwebebahn . Ursprünglich als kurzes Reisebuch gedacht für eine Reihe bei Suhrkamp, in der Schriftsteller über ihre Heimatstadt schreiben, erwuchs für Tellkamp mehr daraus. Er beschäftigte sich einmal mehr intensiv mit seiner Stadt: erzählend, sich erinnernd, Eindrücke auf aktuellen Stadtwanderungen erneuernd und so Vergangenheit und Gegenwart literarisch miteinander verschränkend.

Allerdings überwiegt die Erinnerung. Für Tellkamp ist das Aktuelle, Neue in der Stadt häufig Anlass, sich der Vergangenheit anzunehmen, der eigenen, der Dresdens: "Der Strom von Begegnungen, der einsetzt, wenn ich die Leipziger Straße, für mich eine der bilderreichsten von Dresden, in Richtung Radebeul hinuntergehe mit dem Schlenderschritt derjenigen, die nichts zu erledigen haben, was auf dieser Straße, die für den Alltag gemacht scheint, merkwürdig wirken muss, anders als der rasche, ausgreifende Schritt meines Vaters, wenn er mit meinem Bruder und mir ins 'Goldene Lamm' zum Puppenspiel oder ins Sachsenbad zum Schwimmen geht." Oder er fragt: "...das alte Dresden, wovon so verklärend die Rede ging an den Kaffeehaustischen, was war es ihm?"