Im Juli dieses Jahres hat Christoph Schlingensief eines seiner letzten Interviews gegeben. Es ging wieder um seine Krankheit. "Wenn mich noch einer umarmt", sagte Schlingensief im Männermagazin GQ , "und mir zuflüstert, wie sehr ihn das berührt, dass ich mit meinem Krebs das alles auf mich nehme, dann hau ich ihm eine rein. Es ist so, als ob man einen Flugzeugabsturz beobachtet. Dann sind alle ganz furchtbar berührt, weil sie nicht dringesessen haben." Er aber sitze drin in dem abstürzenden Flugzeug.

Christoph Schlingensief musste in seinen letzten zwei Jahren viel Häme über sich ergehen lassen. Das Hausierengehen mit den eigenen Röntgenbildern, lästig und eitel sei das, und überhaupt, gibt es jetzt hier nur noch Krebstheater und Krebsliteratur? Was für ein gehässiges Missverständnis. Wenn es eine Antwort auf Sterblichkeit gibt, dann doch die: maximale künstlerische Selbstermächtigung – gerade im Augenblick größter physischer Hilflosigkeit. Worte finden für die Katastrophe.

"Im Krankenhaus wird ein CT gemacht, und ich liege im Bett, als Dr. S. kommt und mir das CT zeigt und von einer 'Raumforderung' spricht. Ich frage, ob wir das Wort nicht besser durch Tumor ersetzen wollen, aber er bleibt, wie auch die anderen Ärzte in den folgenden Tagen und Krankenhäusern, lieber bei Raumforderung. Ich strecke meine Hand wortlos nach hinten, er ergreift sie und drückt sie einige Sekunden." Diese Sätze stammen von Wolfgang Herrndorf, 45, dem Berliner Autor und Illustrator. 2002 ist sein Roman In Plüschgewittern und 2007 der Erzählband Diesseits des Van-Allen-Gürtels veröffentlicht worden. 2004 gewann Herrndorf beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis, 2008 den Deutschen Erzählerpreis. Im Februar 2010 wird bei ihm ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert, Heilung ausgeschlossen. Im März beginnt er mit dem Tagebuch: "Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus."

Die drei Monate sind lange vorbei, das Buch erfolgreich und hochgelobt: Tschick . Die Heiterkeit des Romans wird von den privaten Notizen wie von einem schwarzen Passepartout eingerahmt. Während Tschick entsteht, bekommt Herrndorf Bestrahlung und Chemotherapie, hat einen manischen Zusammenbruch, wird in die Psychiatrie eingeliefert. Alles hält er schreibend fest. Und er entschließt sich zur Veröffentlichung. Unter www.wolfgang-herrndorf.de stehen seine Aufzeichnungen jetzt im Netz.

Natürlich gibt es beim Lesen den Flugzeugeffekt: Man sitzt mit auf der Bettkante, wenn die Freunde zu Besuch kommen, kauert mit ihm weinend am Spreeufer, betrachtet gemeinsam den Sternenhimmel über der Bergstraße. Man schaut ihm über die Schulter, wenn er nach Medikamenten und Überlebensstatistiken googelt. Wenn er beim Fahrradflicken an den Sohn denkt, den er wohl nie haben wird. Und ja, man ist gerührt, ergriffen. Aber auch verunsichert. Ist das noch Empathie – oder doch voyeuristische Authentizitätssucht? Und: Darf man einem fremden Kranken so nahekommen?

Zum Glück gibt Herrndorf die Antwort selbst. Einerseits durch seinen Humor. "Liste von Dingen, die besser geworden sind: nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt." Dieser reduzierte Ton, den man aus seinen Büchern kennt, hebelt jeden Anflug von süßlichem Mitleid schnell aus: "Passig steht irgendwann mit der Hüfte an einen Tisch gelehnt und hinterlässt einen Brief, in dem steht, dass bei der Hässlichkeit meiner Bettwäsche Krebs die notwendige Folge sei."