Als John Lennon einst sagte, die Beatles seien populärer als Jesus, war der Teufel los. "Blasphemie!", schrie die christliche Welt vor 44 Jahren, woraufhin der Vatikan die Vier exkommunizierte. Inzwischen ist die Säkularisierung fortgeschritten, die Beatles selig gesprochen , und man darf öffentlich ein "Jessas, Maria und Josef!" ausstoßen, ohne gleich zu drei Vaterunser verdonnert zu werden. Sogar sittsamen Amerikanern ist dieser Tage ein empörtes " Jesus! " entfleucht, denn – und jetzt schließt sich der Kreislauf der Geschichte: Justin Bieber ist populärer als Barack Obama!

Immerhin hat sich der Popjunge mit der besonders bei Minderjährigen beliebten Schüttelfrisur nicht selbst über den mächtigsten Mann der Welt erhoben. Die Website Klout.com verschaffte ihm die Ehre. Der Internetdienstleister errechnet, wer im Netz wie wichtig ist. Dazu sammelt er spezifische Daten aus Social Media und Google: Wie steht's um die Twitter-Aktivität, wie reagieren die Leser auf die Einträge, was passiert auf Facebook, wie viele Treffer werfen die Suchmaschinen aus?

Es geht um Meinungsführerschaft im Zeitalter der Informationsüberflutung. Klout.com fasst den digitalen Marktwert einzelner Personen und Unternehmen in Zahlen. Offenbar ist es den Nutzern wichtiger, das schwer Überschaubare als einfachen Punktewert aufgearbeitet zu bekommen, als tatsächlich zu wissen, wie dieser errechnet wird. Der Algorithmus, auf dem das System basiert, ist nämlich nicht einsehbar.

Wie der britische Guardian berichtet, hat sich der Disney-Konzern beraten lassen, welche meinungsstarken Multiplikatoren er zu exklusiven Filmvorführungen einladen sollte. Hotels in Las Vegas schauen auf Klout.com nach, welchen Netzpromis sie einen besseren Service angedeihen lassen sollten. Selbst Lobbyisten aus Washington gehören zu den Kunden der Plattform. Sie müssen nun hinnehmen, dass das muntere Gezwitscher von Justin Bieber einflussreicher ist als die staatstragenden Zweizeiler ihres Präsidenten.

Bieber erreicht 100 von 100 möglichen Punkten auf der Relevanzskala. Laut Klout.com ist er damit als Kommunikationsspezialist einzustufen. "Möglicherweise sind Sie nicht berühmt, aber in ihrem Expertenbereich ist ihre Meinung nicht hoch genug zu schätzen", sagt ihm die Jury. Barack Obama erreicht mit 88 Punkten den Rang einer Berühmtheit. "Sie könnten nicht einflussreicher sein. Wahrscheinlich sind Sie auch im echten Leben berühmt und Ihre Fans können nicht genug von Ihnen bekommen", lernt der US-Präsident. Jesus! , sogar der Dalai Lama ist um einen Punkt besser.

Lady Gaga kommt auf 91, Paulo Coelho auf 96, und Silvio Berlusconi ist mit mageren 23 Punkten immerhin noch ein gedanklicher Führer. In aller Bescheidenheit darf angefügt werden, dass ZEIT ONLINE mit 72 Punkten einen Deut bedeutender ist als Tokio Hotel . Um Jesus zu schlagen, reicht es dann doch nicht ganz: Der hat 85.