In ihrem Roman La Storia schildert Elsa Morante die Massendeportation römischer Juden durch die SS im Oktober 1943. Eine scheinbar unendliche Reihe von Viehwaggons, aus denen die Stimmen verzweifelter Menschen dringen. Sie alle sind auf dem Weg nach Auschwitz, kaum einer von ihnen wird das Vernichtungslager überleben.

Was Morante mit Worten beschreibt, wollen die Architekten Luca Zevi und Giorgio Tamburini in Steinen ausdrücken. Am Rande eines Parks im Nordosten von Rom planen sie ein nationales Schoah-Museum, das dem historischen Gedächtnis eine greifbare materielle Form geben soll. Herzstück des Entwurfs ist ein monumentaler schwarzer Quader, auf dem in hellen Lettern die Namen der 2000 aus Rom deportierten Juden stehen werden. Wie die Blackbox eines zerschellten Flugzeugs soll der Monolith die Erinnerung an den Holocausts bewahren.

Die Eröffnung des Baus ist für 2013 vorgesehen. "In Italien kommt ein solches Museum viel später als in anderen europäischen Ländern", sagt Zevi, der sein Projekt in Berlin vorstellte – auf Einladung des Italienischen Kulturinstituts und des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden in Europa. "Den Italienern fällt es schwer, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Viele sagen immer noch 'Im Grunde waren doch die Deutschen an allem schuld'".

In Zevis Familie wurde das Geschehene nie verdrängt. Seine Eltern entkamen der Schoah, als sie unmittelbar nach dem Erlass der italienischen Rassengesetze 1938 ins Ausland emigrierten. Der Vater Bruno Zevi wurde später einer der prägenden Architekten im Nachkriegsitalien. Seine erst vor wenigen Tagen verstorbene Mutter Tullia Zevi, die als Journalistin über die Nürnberger Prozesse und den Eichmann-Prozess in Jerusalem berichtete, leitete über viele Jahre die Union der jüdischen Gemeinden in Italien. Seit seiner Kindheit sei ihm bewusst, dass der Holocaust der Maßstab für das Schreckliche in der Welt sei, sagt Luca Zevi. Er wurde 1949 geboren.

Wichtig ist es ihm, das Geschehene in seinem Museumsentwurf aus verschiedenen Perspektiven darzustellen. Nicht nur der Juden soll gedacht werden, sondern auch der ermordeten Roma, Homosexuellen und Oppositionellen. Das Schoah-Museum dürfe allerdings nicht nur die Opfer im Blick haben, sagt der Architekt. Besondere Vorbilder gerade für die jüngeren Generationen seien alle diejenigen, die dem Faschismus getrotzt und Juden vor ihren Verfolgern geschützt hätten. Ähnlich wie in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem soll den "Gerechten" ein Weg gewidmet sein, der zum Eingang des Museums führt. In der Bevölkerung habe es "kriminelle Komplizenschaft" und "schuldhafte Gleichgültigkeit" gegeben, meinte Zevi. Viele andere Italiener hätten sich jedoch solidarisch mit den Opfern gezeigt und Leben gerettet.

Absteigende Rampen führen die Besucher durch die Ausstellung, bis hin zu einem Modell von Auschwitz. Ein Saal wird dem Schriftsteller Primo Levi gewidmet, dessen Schilderungen von Auschwitz die Weltöffentlichkeit erschütterten. Die Shoah Foundation des Regisseurs Steven Spielberg stellt Tondokumente mit Interviews zur Verfügung, die die Stimmen von Holocaust-Überlebenden für die Ewigkeit bewahren.

Ein Großteil der Exponate wird unterirdisch zu besichtigen sein. Das Gebäude soll zehn Meter hoch sein, die untersten Stockwerke befinden sich in 30 Metern Tiefe. Der Architekt legt Wert auf Barrierefreiheit. Neben dem schwarzen Quader planen Zevi und Tamburini einen weiteren Bau aus roten Ziegeln, dessen asymmetrische Zickzackform auf die Kamine der Vernichtungslager anspielen soll. Die massive Architektur wird durch transparente Glaskörper aufgelockert: Auf dunkle folgen extrem helle Räume. Nach dem Verlassen des Gebäudes laufen die Besucher auf einem Weg, über dem der schwarze Quader ohne sichtbare Stütze förmlich zu schweben scheint. Eine bedrohliche Situation, die daran erinnern soll, dass auch heute Unterdrückung und Intoleranz noch nicht aus der Welt geschafft sind.