Man kann wirklich nicht behaupten, dass die vergangenen Jahre zu den goldenen Zeiten der Vereinigten Staaten gehören: Erst der 11. September, dann die langen Jahre unter George W. Bush, die Kriege im Irak und in Afghanistan, der Hurrikan Katrina und schließlich die Finanz- und Wirtschaftskrise haben Narben in der amerikanischen Gesellschaft hinterlassen. Es ist sicher gut und vermutlich sogar notwendig, sich auch im Kino mit den Folgen dieser Tiefschläge zu befassen. In ihrem ersten Spielfilm Yelling To The Sky liefert die amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Victoria Mahoney jedoch nicht einmal den Ansatz einer kritischen Beleuchtung.

Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn es einem schon schwer fällt, zusammenzufassen, was in diesem Film eigentlich passiert. Ganz zu schweigen vom Warum. Das liegt vor allem daran, dass in Yelling To The Sky unglaublich viel geschieht, aber kaum irgendwo genauer hingesehen oder gar hinter die Fassade geschaut wird.

Im Mittelpunkt der vielen tristen, lose miteinander verknüpften Episoden steht eine 17-Jährige mit dem unglaublichen Namen Sweetness O’Hara (gespielt von Zoë Kravitz, der Tochter des Sängers Lenny Kravitz). Der irisch-stämmige Vater ist ein Alkoholiker mit Hang zu cholerischen Anfällen, die Mutter eine Afroamerikanerin, die meist apathisch und undurchschaubar dreinschaut – wenn sie nicht gerade (für ihre Filmfamilie und den Zuschauer gleichermaßen unerklärt) verschwindet.

Berlinale - "Yelling to the Sky" mit Zoë Kravitz

Außerdem im Ensemble: Sweetness’ ältere Schwester samt Kleinkind (aber natürlich ohne Kindsvater), ein moralischer Drogendealer, ein Schulpsychologe (der selbst Drogen nimmt), eine Reihe ständig bekiffter und betrunkener Jugendlicher sowie eine prügelnde Mädchengang. Und als Dreingabe die Schauspielerin Gabourey Sidibe, bekannt aus dem Oscar-gekrönten Sozialdrama des Vorjahres, Precious .

Yelling To The Sky verfügt über alle Zutaten, die ein genretypisches Sozialdrama bedarf: Eine zerfallende Familie, Alkoholismus, viel Gewalt, Drogenkonsum, Drogenhandel und Sexualität im weitesten Sinne. Ebenfalls genretypisch wird dies alles recht drastisch und mit Hang zum Alarmismus inszeniert – trotzdem wird nicht mehr daraus als eine unmotivierte Mischung aus Genre-Versatzstücken im Stil einer Highschool-Seifenoper.

Gabourey Sidibe wirkt in ihrer Nebenrolle nur wie ein weiteres Indiz für den Verdacht, dass Yelling To The Sky allzu gerne in die Fußstapfen des zu Recht ausgezeichneten Sozialdramas Precious treten würde. Leider besitzt der Film weder den Einfallsreichtum noch die schauspielerische Präsenz seines Vorbildes.

Vielmehr sind alle Schauspieler mit den irrsinnig zerrissenen und undurchschaubaren Charakteren überfordert, die sie darstellen sollen. Zoë Kravitz, die mit der Hauptrolle Sweetness immerhin eine halbwegs interessante Persönlichkeit verkörpern darf, lässt leider keine Sekunde lang den Verdacht aufkommen, hier würden echte Probleme verhandelt.

Am Ende geht man aus dem Kino mit dem Eindruck, dass jedes Snoop-Dogg-Video über mehr Wahrhaftigkeit verfügt als das eben Gesehene. Das muss man auch erst einmal schaffen.