Als erstes Opernhaus im deutschsprachigen Raum startet die Komische Oper Berlin unter dem Motto "Türkisch. Oper kann das!" ein umfangreiches Vermittlungsangebot, das sich gezielt an türkischsprachige Bürger richtet. Die Libretti sämtlicher Stücke werden ab der kommenden Saison ins Türkische übersetzt und sind neben Deutsch, Englisch und Französisch während der Vorführungen abrufbar. Bis vor einigen Jahren konnte man in Deutschland die türkische Sprache im öffentlichen Raum allenfalls auf Hinweisschildern in der Bahn oder in Geschäften ausmachen, auf denen vor Schwarzfahren oder Diebstahl gewarnt wurde. Das war wenig schmeichelhaft, aber es zeigte, wo man als türkischer Bürger dieses Landes verortet wurde.

Die Aktion der Komischen Oper ist sicherlich auch legitimen marketingtechnischen Überlegungen geschuldet, da man diese Bevölkerungsgruppe als Kunde gewinnen will. Andererseits zeigt die sprachliche Öffnung ein verändertes Bewusstsein an. Gewiss, zunächst nicht viel mehr als eine symbolische Handlung. Dessen ist sich durchaus auch der Intendant Andreas Homoki bewusst, wenn er von einem "wichtigen Signal in die Stadt hinein" spricht. Ein türkischer Opernliebhaber wird im Zweifelsfall auch die wichtige Opernsprache Deutsch beherrschen. Aber seit Thilo Sarrazin und andere Zahlenfetischisten die türkischstämmigen Bürger mit Nützlichkeitsrechnungen entsubjektiviert haben, sind solche Gesten wichtig. Sie wirken dem Gefühl entgegen, in diesem Land nicht gelitten zu sein. Dieses Gefühl ist der Nebeneffekt der Sarrazin-Debatte und wird noch lange nachwirken.

Es ist umso bedeutender, dass der Kulturbetrieb ein solches Signal der Zugehörigkeit sendet, da viele türkischstämmige Bürger sich nicht des Eindrucks erwehren können, ihre Sprache und Kultur werde als minderwertig angesehen. Während es bei einem Kind französischer Eltern in Deutschland als selbstverständlich erachtet wird, dass das Kind zunächst seine Muttersprache lernt, wird die Zweisprachigkeit, soweit es die türkische Sprache betrifft, als problematisch, ja als ernstes Integrationshemmnis erachtet. Als sei das Beherrschen der türkischen Sprache ein Defizit und keine Kompetenz.

Dass gerade ein Opernhaus dieses Zeichen setzt, hat einen kulturhistorischen Hintersinn, der nicht ohne Ironie ist. Der türkische Opernbesucher kann etwa in Mozarts Entführung aus dem Serail oder in Rossinis Il Turco in Italia das historische Türkenbild des Westens betrachten. Das Genre der im 18. Jahrhundert sehr beliebten sogenannten "Türkenoper" rückte die Osmanen in den Fokus westlicher Projektionen, welche die geheimnisumwobene Andersartigkeit des Orients thematisierten. Die Figur des Türken auf der Opernbühne war die Chiffre für "das Fremde" schlechthin. In der ihr zugeschriebenen Exotik, Irrationalität und Wildheit kamen abendländische Angst und Faszination zum Ausdruck.

Die "Türkenoper" nun bald auf türkisch – ein interessanter Gedanke. Es wäre ein Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der die Zugewanderten sich aus der Rolle des Projektionsobjektes befreien und zu Akteuren werden. Auch im Kulturbetrieb. Eine neue Generation türkisch-deutscher Kulturschaffender zeigt das schon eindrucksvoll im Theater, im Film und der Literatur.