Wer nicht bereits informiert war, der musste bei der Pressekonferenz zur Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" im Pekinger Chinesischen Nationalmuseum denken, da sei im fernen Deutschland ein irgendwie bedeutender Intellektueller kurzfristig erkrankt. Jedenfalls klingen die Grüße in die Heimat wie Genesungswünsche, die Martin Roth, Direktor der bei dem "Aufklärungs"-Projekt federführenden Staatlichen Kunstsammlungen Dresden , an "unseren Freund Tilman Spengler" übermittelt. Ebenso wie seine Kollegen Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin , und Bernhard Schrenk, Chef der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, bedauert Roth, dass Spengler "heute nicht anwesend" sein könne.

Im Übrigen ist man, zusammen mit Lü Zhangshen, dem Generaldirektor des Nationalmuseums, nur "stolz und glücklich". Ist die Gemeinschaftsausstellung der drei großen Museen aus Berlin, Dresden und München doch "die größte Kunstausstellung, die Deutschland je im Ausland gezeig hat" – im größten Museum der Welt. Erst als nach einer Stunde eine deutsche TV-Journalistin den Namen des zu elf Jahren Gefängnis verurteilten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ins Spiel bringt und erwähnt, dass dem Münchner Schriftsteller, Sinologen und Berater des Rahmenprogramms zur Pekinger Ausstellung Tilman Spengler das Einreisevisum verweigert worden sei , reißt der Vorhang des Nebulösen, der lauthals leisetretenden Verunklärung.

Roth sagt, Spengler stehe "für den notwendigen Dialog mit China als Beispiel" und betont, dass der Autor selber – wie gestern auch im Gespräch mit dem Tagesspiegel – die Eröffnung und Fortsetzung der Ausstellung für richtig hält. Ein chinesischer Sprecher meinte als Vertreter des vom Podium ("wegen eines anderen Termins") verschwundenen Nationalmuseumsdirektors, China sei "sehr gastfreundlich". Der Fall habe "nichts mit dieser Ausstellung zu tun". Der Sprecher lächelt gereizt: Viel wichtiger sei doch, dass Außenminister Westerwelle die Austellung eröffnet. Im Übrigen habe Herr Spengler "das chinesische Volk verletzt", was sich, unausgesprochen, wohl auf dessen frühere Verteidigung des inhaftierten Nobelpreisträgers Liu Xiaobo bezieht. Als dann eine Nachfrage an den Museumsexperten der KP Chinas gestellt wurde, wird die Pressekonferenz für beendet erklärt.

Die Ausstellung und ihre Veranstalter sitzen in der Falle. In einer goldenen Falle. "Hätten wir wegen Spengler alles absagen sollen?", fragen Roth und Parzinger. Also zeigen die drei deutschen Großsammlungen nach jahrelanger Vorbereitung ab diesem Wochenende bis März 2012 im wiedereröffneten Chinesischen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens "Die Kunst der Aufklärung".

Rund zehn Millionen Euro hat die vom Auswärtigen Amt unterstützte Schau gekostet. Hinzu kommen Sponsoren, vor allem die nordrhein-westfälische Stiftung Mercator, die 1,5 Millionen Euro in das Begleitprogramm "Aufklärung im Dialog" investiert: Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler aus Deutschland und China sollen in Foren und "Salons" über Höhen und Hürden des galoppierenden Weltgeists diskutieren. Neben dem Sinologen Michael Lackner und dem Berliner Geisteswissenschaftler Wolf Lepenies galt vor allem Spengler als Kopf dieses nun von vornherein gestörten "Dialogs". Auch Chinas bekanntester Gegenwartskünstler Ai Weiwei stand auf der Wunschliste der Deutschen. Er wurde von Seiten Chinas abgelehnt. Stattdessen bezieht Ai Weiwei nun demnächst ein Exil-Atelier in Berlin.

Die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut hatten zudem mit einem Besuch von Anselm Kiefer und Neo Rauch gerechnet. Rauch ist in der letzten Sektion der "Kunst der Aufklärung", die einen Sprung von der dominierenden kulturhistorischen Epoche des 17. bis19. Jahrhunderts in die Gegenwart macht, mit seinem surrealen Riesengemälde "Die große Störung" vertreten. Doch haben Kiefer und Rauch ihre Reise nach China kurzfristig abgesagt. Womöglich wussten sie bereits von den Schwierigkeiten mit Spengler, die von den Veranstaltern in Peking wie eine Überraschung behandelt wurde, obwohl sie der deutschen Botschaft wohl seit Wochen bekannt war.

Das Vertrackte, eine "Aufklärungs"-Schau ausgerechnet an jenem von tausend Kameras, Polizei und unzähligen Geheimdienstlern in Zivil überwachten Tiananmen-Platz zu präsentieren, auf dem 1989 die chinesische Demokratiebewegung niedergeschlagen wurde, erweist sich so gleich am Anfang. Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat am Freitagabend die Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft auch der beiden Präsidenten sowie der beiden Regierungschefs Wen Jibao und Angela Merkel steht, mit einer guten, diplomatischen Rede eröffnet ("Kunst allein im Dienst der Macht ist Propaganda").