ZEIT ONLINE: Herr Kubin, heute treffen sich Vertreter von Politik und Kultur in Berlin , um über den Fall Ai Weiwei und die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung im Pekinger Nationalmuseum zu sprechen. Hätte man die Ausstellung von deutscher Seite überhaupt in China planen dürfen?

Wolfgang Kubin:
Ja, warum denn nicht? Wir müssen zusammenarbeiten. Wir leben ja nicht mehr in Zeiten des Kalten Krieges. Wir müssen unter allen Umständen Gespräche führen, ob uns das Gegenüber und die Argumente passen oder nicht. Aus jedem Abbruch eines Gesprächs ergeben sich bloß noch größere, unnötige Komplikationen. Die Beziehungen zwischen Deutschland und China sind traditionsgemäß sehr gut, das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann.

ZEIT ONLINE: Ai wurde unmittelbar nach der Eröffnung der Ausstellung Die Kunst der Aufklärung in Peking verhaftet . Warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Wollte die Regierung ein Zeichen setzen?

Kubin: Ich gehe nicht davon aus, dass der Zeitpunkt bewusst gewählt worden ist. Eher dass die chinesische Staatssicherheit, die ein Staat im Staat ist, macht, was sie will. Und nicht mehr kontrollierbar ist. Für China ist es sehr wichtig, das Gesicht zu wahren. Die Verhaftung Ais ist ein großer Gesichtsverlust – und vollkommen unnötig. Man hätte die Dinge auch anders lösen können. Wenn er wirklich Steuern hinterzogen hat, dann muss man ihn befragen, aber darf ihn nicht einfach verschwinden lassen.

ZEIT ONLINE: Für 2012 plant China ein Kulturjahr in Deutschland. Sollen wir das zulassen, gerade in Anbetracht der öffentlichen Meinung, die sich derzeit in China bildet?

Kubin: Es ist ja nicht so, als gäbe es die politische Zensur nur in China – die gibt es bei uns ja auch so. Nur reden wir nicht darüber oder sie wird anders verpackt. Das Schwarz-Weiß-Denken, das hier in der Presse und auch in Diskussionen immer mehr um sich greift, muss ein Ende haben.

ZEIT ONLINE: Wie nimmt man die deutsche Debatte in China wahr?

Kubin: Die Debatte ist von China aus betrachtet absurd. Und zwar deswegen, weil wir uns als Retter aufspielen. Es ist im Grunde genommen eine Unmündigkeitserklärung der chinesischen Intelligenz. Wir geben den Künstlern und Literaten im Lande gar nicht die Möglichkeit, die Dinge, die sie klären müssen, selbst zu klären. Das ist etwas, das mich gewaltig stört. Können die Intellektuellen in China nicht selbst protestieren? Dort wird aber niemand tätig. 90 Prozent und mehr schweigen in der Öffentlichkeit.

ZEIT ONLINE: Äußern sich die Intellektuellen aus Angst nicht, oder weil es ihnen nicht wichtig ist?

Kubin: Ich weiß, was Sie gerne hören wollen: aus Angst. Aber die Sache ist komplexer. In China herrscht gegenüber denjenigen, denen es nicht so gut geht, eine gewisse Nachlässigkeit, ein gewisses Desinteresse, eine fehlende Bereitschaft, sich zu engagieren. Was zu wenig berücksichtigt wird, ist die chinesische Geschichte und Kulturgeschichte. Es gibt so gut wie keinen chinesischen Intellektuellen, Künstler, Schriftsteller, der über einen chinesischen Kollegen etwas Positives sagt. Und das hat eine lange Tradition.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Kubin: Als der Literaturnobelpreis 2000 an Gao Xingjian ging, rief ein Freund des chinesischen Dichters Bei Dao, den ich übersetze, aus Deutschland in Peking an, um den Leuten dort eine Stunde lang klar zu machen, wie glücklich er sei, dass Bei Dao die Auszeichnung nicht bekommen habe. Das ist für uns völlig unvorstellbar. So etwas würde hierzulande nie jemand machen. Und das ist die Situation, in der sich die chinesische Intelligenz befindet.

ZEIT ONLINE: Trotzdem lebt diese chinesische Intelligenz in einem autoritären Regime.

Kubin: Es gibt ja nicht nur in China Chinesen, sondern auch in Taiwan, Hongkong, Singapur und Amerika. Warum gibt es denn da keine ähnliche Presse wie bei uns? Warum gibt es da keine Protestaktionen? Dort würde niemand dafür bestraft werden. Der Grund ist ganz einfach: Weil sich viele Chinesen grundsätzlich mit dem Staat, mit der Nation identifizieren – und zwar insbesondere dann, wenn sie daraus materielle Vorteile ziehen. Die andere Seite, die geistige Freiheit, scheint nicht so ein hohes Gut zu sein wie bei uns. Es sieht so aus, als wäre man bereit, Opfer zu bringen. Das ist für uns kaum nachvollziehbar. Aber es scheint eine Tatsache zu sein, über die hier zu wenig nachgedacht wird.