Der Tanz ist eine Welle: Er bewegt sich vorwärts, aber das Element, bleibt immer gleich. Als Zuschauer des Alvin Ailey American Dance Theatre wird man von einer Woge mitgerissen hinaus aufs Meer, in eine unendliche, unergründliche, großartige Bewegung. Gerade hat die Elitetruppe aus New York die erste Etappe ihrer Deutschland-Tour absolviert, und das Berlin Publikum ist immer noch ein bisschen erschöpft von der eigenen Begeisterung. Mit halbstündigen Ovationen bejubelten die sonst so abgebrühten Hauptstadtbewohner die Auftritte der 30 Tänzer. Wann hat man schon mal das Glück, dass eine Naturgewalt durch einen hindurchrauscht?

"Man muss immer in Bewegung bleiben, auch wenn man das genaue Ziel noch nicht kennt", sagt der neue künstlerische Leiter Robert Battle. Die Choreografien des 37-Jährigen bilden den Großteil des aktuellen Tourneeprogramms. Sie sind technisch so anspruchsvoll, dass sie nur von Weltklasse-Tänzern wie den Mitgliedern der Ailey-Gruppe getanzt werden können.

Battles wild wogende Gruppenszenen und schnelle Bodybeats scheinen die alte naturphilosophische Lehre zu bestätigen, dass Bewegung der Urgrund allen Seins ist; dass nichts existiert, wenn es sich nicht bewegt; und dass wahre Bewegung niemals nur Mechanik ist, sondern dem menschlichen Herzen entspringt.

"Manchmal setzt man als Choreograph einfach nur einen Fuß vor den anderen, um nicht stillzustehen. Aber für die Langstrecke muss man eine Mission haben", sagt Battle, der mit den Aileys eine afroamerikanische Ikone und ein Flagschiff des black pride übernimmt. "Meine Mission ist, genau wie die des Company-Gründers Alvin Ailey, dass Tanz die Menschen bewegen und buchstäblich voranbringen kann." 

Deshalb hat er zum Start der neuen Saison im Herbst ein Tanzstück über Aids in Auftrag gegeben. Es ist die Krankheit, an der Alvin Ailey 1989 starb, als man sie noch schamhaft beschwieg und die bis heute als Stigma gilt. "Das Stück soll ein politisches Statement und ein künstlerisches Experiment sein, denn es fußt auf den Erzählungen von HIV-Kranken. Dass ich den Hip-Hopper Rennie Harris als Choreographen engagiert habe, könnte allerdings manchem konservativen Kritiker missfallen." Aber darauf will Battle keine Rücksicht nehmen. "Ich will nicht behaupten, dass mir jede Kritik egal wäre, aber ein gewisses Risiko gibt mir überhaupt erst die Kraft, das zu tun, was ich tun muss."

Ein absolutes Muss für eine traditionsreiche Modern Dance Company wie die Aileys ist der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft. Einerseits das legendäre Repertoire, das die Leute lieben, andererseits das Neue, das sie erwarten und das am besten auch gleich Legende werden soll. Und das Ganze muss auch noch transportabel sein. Darin bestand nämlich der Anspruch des Gründers: die Aileys sollten als internationales Ensemble reüssieren. Heute sind sie tatsächlich die weltweit erfolgreichste Tournee-Company in ihrem Segment, seit kurzem tragen sie den Ehrentitel des Weißen Hauses Cultural Ambassador to the World .

Calvin Hunt, der Senior Director of Performance and Production, gehört seit über 20 Jahren zur Truppe und versichert, dass ihm das Puzzlespiel des Tourneeplanens noch nie langweilig geworden sei. Vor zwei Jahren begannen sie die jetzige Europatour zu planen, erst gab es eine Einladung aus Norwegen, dann kam Deutschland hinzu, aber die Lücke dazwischen war lange ein Problem. In Ländern wie Polen, Portugal, Griechenland wären sie zwar gern aufgetreten, aber deren Kulturetats reichen nicht, um die Kosten der Aileys zu decken. Auch in Russland schien es zunächst am Geld zu scheitern. "Das Moskauer Stanislawski-Theater und das St. Petersburger Weiße-Nächte-Festival hatten nicht genug Geld, um uns einzuladen", sagt Hunt. "Aber es gibt ein bilaterales Abkommen zwischen der amerikanischen und der russischen Regierung über Kulturaustausch, also sprangen die Botschafter ein – und die Bank of America Merrill Lynch hat uns zusätzlich geholfen."

Hunt ist der Mann, der vor jeder Tournee eine Rundreise macht, um sich Theater, Hotels, Bahnhöfe und all die Orte anzusehen, die für die Company wichtig sind. Dann entscheidet er, ob die Hotelzimmer groß genug sind für Tänzer mit Gepäck für zehn Wochen, ob man in den Apartments kochen kann, ob die Licht- und Soundsysteme des jeweiligen Opernhauses ausreichen. "Wir haben unseren eigenen Schwingboden bei einem deutschen Fuhrunternehmen in der Nähe von Köln gelagert, den wir überallhin transportieren lassen. Wir brauchen ihn für unsere extrem dynamischen, sprungintensiven Choreografien, um das Verletzungsrisiko zu minimieren." Trotz hoher Kosten und kaum finanzieller Ausbeute seien die Auslandstourneen dennoch ein Gewinn, sagt Hunt: "Hier geht es um mehr als Geld, nämlich darum, dass die Stimme Amerikas in der Welt gehört wird, unsere Stimme."