Ein Lob den Untertiteln! Fast die Hälfte der Filme, die um den diesjährigen First-Steps-Preis für Abschlussarbeiten an deutschsprachigen Filmschulen konkurrieren, sind gar nicht in deutscher Sprache gedreht. Die Protagonisten sprechen Georgisch, Russisch, Ukrainisch, Rumänisch, Spanisch, Japanisch, Englisch. Das öffnet dem Zuschauer die Augen und Ohren für bisher unbereiste Filmwelten und macht deutlich, dass das migrantische Kino auch in den Einwanderungsländern Deutschland, Österreich und Schweiz längst kein Randphänomen mehr ist.

Umso schöner, wenn sich das Phänomen gleich mit einem knackigen Begriff fassen lässt. First-Steps-Programmleiterin Andrea Hohnen nennt es die "Generation E“, wie Emigration. Viele der jungen Regisseure und Drehbuchautoren erzählen vom Aufbruch in die Fremde, vom Zurücklassen des Bekannten, der Suche nach dem Neuen – oder einem verlorenen Alten.

222 Filme wurden zum First-Steps- Award eingereicht, so viele wie nie in der Geschichte des seit 2000 jährlich verliehenen Branchenpreises. Nominiert wurden sechs Dokus, 16 Spielfilme in verschiedenen Längenkategorien sowie fünf Werbespots, die Preise werden am heutigen Dienstag verliehen. Insgesamt sind die Auszeichnungen mit 72.000 Euro dotiert.

Vergangenheitssuche in Hiroshima

Um die Suche nach dem Verlorenen geht es in August von Mieko Azuma: Die Schriftstellerin Johanna (Sylvana Krappatsch) reist in diesem stillen, langsamen, fein geschliffenen Film nach Hiroshima, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Sie spricht mit Zeitzeugen und Jugendlichen, besucht die offizielle Gedenkveranstaltung zum Atombombenabwurf, um dem Wesen der Erinnerung auf die Spur zu kommen – und mehr über ihre eigene Vergangenheit herauszufinden, die ihre demente Mutter ihr nicht mitteilen kann. Die Verständigungsschwierigkeiten, Johannas zögerliches Englisch, die langen Passagen auf Japanisch – all das passt zu Azumas Frage: Wie vermittelt sich Erfahrung? Klar wird: Der wahre Ort der Erinnerung ist das eigene Innere. Die Regisseurin arbeitete an Originalschauplätzen, dem echten Friedenmuseum, offenbar auch mit echten Zeitzeugen. Nicht umsonst wurde August im Juli auf dem Dokumentarfilmfestival in Marseille lobend erwähnt.

Die Mittel des Dokumentarischen prägen auch andere nominierte Spielfilme. In Fort, einem Sechzigminüter der Georgierin Tinatin Gurchinai (von der HFF Babelsberg), geht es um den Jungen Sandro, der nach dem Selbstmord eines Freundes alles von sich wirft, seine Sachen verbrennt und zusammen mit seiner Freundin Mari über die Müllkippen von Tiflis zieht. Der Spielhandlung zwischengeschaltet sind Interviews mit Müllsammlern und Jugendlichen, die mit den eindrücklichen, bisweilen sehr metaphorischen Bildern von Müllwüsten, Bretterbuden und Ruinen ein Georgien-Bild vermittelt, das trostloser nicht sein könnte. Stille, Leere, Qual: Das Schöne am Leben, sagt einer im Interview, sei, dass es keinen Sinn habe.

Porträt der Gerneration E

Die fünf Russinnen, die die Regisseurin Katja Fedulova in ihrer Dokumentation Glücksritterinnen porträtiert, haben meist mehr Glück gehabt. 13 Jahre nachdem sie zum Studium nach Kiel gekommen sind, lässt Fedulova ihre damalige Clique – und sich selbst – Bilanz ziehen. Die fällt seht unterschiedlich aus: deutscher Pass, italienischer Pass, Entzugsklinik, erstes Kind, schönes Zuhause, die Erwartungen der Mutter, verdrängte Traumata. Diese "Generation E" ist keine homogene Gruppe. Ihre einzige, ihre stärkste Verbindung ist die gemeinsame Vergangenheit.

Die Dokumentation Die Frau des Fotografen von Karsten Krause und Philip Widmann von der HBK Hamburg berührt weniger durch ihre Machart als durch ihr Thema. Gerti Gerbert wurde von ihrem Mann Eugen mehr als 40 Jahre lang porträtiert – ein ganzes Leben lang, meistens nackt. "Schon wieder ich!“ sagt sie beim Durchschauen des Archivs. "Immer ich!“ Gerti war Eugens Leben, Eugen, der Bahnbeamte, der Bilderwilde. Fotografieren war seine Art, "der Vergänglichkeit meiner Zeit in den Arm zu fallen“, das Glück festzuhalten.