Es ist dies also ein Buch über den Tod und wie man ihm widersteht – schon durch die Ausgangsidee, aus dem Gedenken der nahen und fernen Toten, die den Lauf der Schreibjahre kreuzen, ein Buch des Lebens zu formen. Nur die Toten haben neben den Künstlern einen Eigennamen. Die typografisch abgesetzten und jeweils mit einem Bild versehenen Nachrufe auf den Schriftsteller István Eörsi, den Komponisten György Ligeti, den Soziologen Karl Otto Hondrich oder den Dichter Mahmud Darwisch sind oft glänzende Porträts – und das betrifft nicht nur die Prominenten. An ihrer Seite werden ganz alltägliche Schicksale erzählt.

Dein Name will indes nicht nur die Grenzen zwischen Leben und Tod niederreißen. Er versucht auch, die Genres von Autofiktion, Roman und Reportage, Essay und akademischer Abhandlung zu sprengen. Das Problem ist nur, dass nichts in diesem literarischen Wimmelbild die Aufmerksamkeit lenkt; nichts hält die Neugier in Gang. Der Blick gleitet ab an den bleiernen Blöcken dieser Prosa, die kein Sprachberserker aufgetürmt hat, sondern ein intellektueller Nerd, der die Zügel weder so loslassen kann wie Jean Paul noch sein Werk so an die Kandare nehmen kann, wie es die Autofiktionen von Serge Doubrovsky, Alain Robbe-Grillet oder J.M. Coetzee tun.

Kermanis Wirklichkeit wird nicht imaginiert, sie wird nur aufgerufen: überwölbt von den metafiktionalen Spinnweben eines Schriftstellers, der sich einmal als Romancier namens Navid Kermani in der dritten Person ins Spiel bringt und einmal als reflektierendes, sich distanzierendes Ich in der ersten Person. Das bauscht viele Sätze nutzlos auf und enthüllt am ehesten da seinen Sinn, wo sich Kermani als Meinungen verkaufender Berufsmuslim und Krisenregionsexperte selbst beobachtet. Man muss nicht ständig mit der Nase darauf gestoßen werden, dass Kermani in Dein Name nicht sein Herz ausschüttet. In der Preisgabe privater Details ist dieses hochgradig kalkuliert, deshalb aber von nicht weniger unerträglicher Eitelkeit.

Kermanis Buch ist von daher auch ein Stück Konzeptkunst: mit der Konsequenz, die Andy Warhol seinem Film Sleep angedeihen ließ, in dem er fast sechs Stunden lang dem nackten John Giorno beim Schlafen zusieht. Es fehlt Dein Name , bei allen Exkursen zum Heiligen, aber etwas von jenem Funken Transzendenz, der John Cages auf 639 Jahre Spieldauer terminiertes Stück  Organ2/ASLSP auszeichnet, das seit der Jahrtausendwende im Halberstadter Dom aufgeführt wird.

Aber wie will man diesem Buch kritisch beikommen? Es ist gegen jeden denkbaren Einwand abgedichtet, indem es ihn antizipiert und ihm den Wind aus den Segeln nimmt. Wer Kermani vorhalten wollte, dass dies ja gar kein Roman sei, sondern nur ein monströses Zeugnis angewandter Poetologie, dem erklärt er mit guten Gründen: Der Romancier von heute ist der Poetologe. Auch die Frage, für wen dieses Buch eigentlich geschrieben ist, wird zurückgewiesen. Man kann nicht immer an den Leser denken.

Jedes Leben braucht eine Art Spiegel. Aber wer es so obsessiv in Schrift verwandelt, erstickt es. Das Ergebnis ist hier zu besichtigen: Unter dem Koloss dieses Lebens- und Totenbuches liegt Navid Kermani lebendig begraben.

Erschienen im Tagesspiegel